Hinter den sieben Bergen…

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Natürlich gibt es hier keine Zwerge, aber ein bisschen fühlt es sich so an, als wäre man in einer Märchenwelt, weit weg vom normalen Leben. Nach Zugdidi, der letzten größeren Stadt, schlängelt sich die Straße entlang des Enguri Flusses durch grüne Berge Richtung Kaukasus. Wald, der sich rechts und links an die steilen Berghänge schmiegt. Der Enguri Staudamm, einer der höchsten Staudämme der Welt, legt noch beeindruckend Zeugnis ab von menschlicher Gegenwart. (Und ist zugleich eine Besonderheit, die der Völkerverständigung dient, da sich der Stausee auf georgischem Gebiet befindet, das Kraftwerk aber im benachbarten Abchasien – ein Staat, von dessen Existenz ich hier das erste Mal höre.)

Danach schraubt sich unser Minibus immer höher die schmalen Serpentinen hinauf, während tief unter uns der Fluss immer wilder und ungezähmter erscheint und riesige Felsbrocken in seinem Bett von der Kraft des Wassers erzählen. Eine Zeitlang säumen unzählige Bienenstöcke die Straße, die ab und zu Gesellschaft von einer kleinen Holzhütte haben, vor der ein Schild in ungelenker Schrift Honig zum Verkauf anpreist. Wolken hängen tief über den Berggipfeln und ein kurzer Regenschauer verstärkt die düstere Stimmung.

Und dann weitet sich das Tal plötzlich, der blaue Himmel strahlt über uns und links und rechts erstrecken sich Blumenwiesen in einer Blütenvielfalt, die unsere Wiesen traurig und öde aussehen lässt.

Das muss Swanetien sein!

Kühe gehen auf der Straße spazieren oder dösen gleich mitten auf der Fahrbahn. Hier wohl eine Selbstverständlichkeit, denn unser Fahrer fährt kommentarlos Slalom zwischen den Rinderviechern, ohne dass diese sich nur auch einen Millimeter bewegen. Die Straße wird teilweise holpriger, nicht asphaltiert und über kurze Strecken sogar schlammig. Wir bewegen uns nur noch im Schritttempo auf das kleine Dorf zu, dessen halb verfallene Steinhäuser am Horizont auftauchen.

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An unserem fünften Wandertag übernachten wir im kleinen Dorf Adishi. In 2.100 Meter Höhe gelegen wurde es 1985 von mächtigen Lawinen zum größten Teil zerstört und die Bewohner in der Folge umgesiedelt. Mittlerweile sind einige Familien (genau sechs, wenn man den Reiseführern glauben darf) wieder zurückgekehrt und leben hier den Sommer über. Bei unserem Abstieg Richtung Dorf kann ich nur Ruinen und die mächtigen Wehrtürme erkennen und frage mich schon, in welchem der halb verfallenen Steinbauten wir wohl unser Nachtlager aufschlagen werden. Aber beim Gang durch die engen Gassen erkennt man immer wieder neuere Bauten, die sich zwischen die alten Steinhäuser quetschen. Die Haupteinnahmequelle sind hier wohl die Touristen, denn an jedem der Neubauten hängt ein Schild mit „Guesthouse“ oder „Hotel“.

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Es ist eine eigenartige Mischung, die sich einem beim Rundgang durch die kleine Ansammlung von Häusern präsentiert: alte Steinmauern, von Büschen und Blumen überwuchert, halb verfallen. Eine Kiefer hat es sich auf einem der alten Wehrtürme gemütlich gemacht. Und doch steht dann unter einem erhaltenen Dach eine Kuh, schaut aus einem Loch in der Mauer ein Pferd mit seinem Fohlen. Hinter einem improvisierten Zaun aus einem Bettgestell hält ein traurig dreinblickender Hund Wache. Eine Ziege schaut mürrisch von der Terrasse eines besser erhaltenen Hauses in die Landschaft. Die Muttersau mit ihren Ferkeln flaniert die Mauern entlang und sucht sich ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen.

Der kleine „Market“ besteht aus einem Fenster, hinter dem allerlei Süßigkeiten, Seife und Cola-Flaschen ausgestellt sind. Und die geschäftstüchtige Inhaberin lässt auch vom „homemade“ Wein (ebenfalls in einer Cola-Flasche) kosten. Der berühmte georgische Wein dürfte allerdings woanders produziert werden…

Am Abend sitzen wir in der einzigen Bar am Ortsrand, genießen unser Bier nach den vielen Wanderkilometern der letzten Tage und schauen in den sich verfärbenden Himmel. Irgendwo bellt ein Hund, ein paar Vögel zwitschern noch, bevor sich der Tag verabschiedet. Als die Sonne verschwunden ist, geht auch der Bar-Besitzer schlafen – nicht ohne uns vorher noch mit einem frischen Bier aus dem Kühlschrank versorgt zu haben. Über uns spannt sich der Sternenhimmel, eingerahmt von den Silhouetten der hohen Berge. Wir sind in einer anderen Welt, weit abgeschieden von dem, was wir als Alltag kennen. Und es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich ein Zwerg auftaucht, um unsere Bierflaschen einzusammeln.

(Georgien, Juni 2019)

Radreiselust

Knapp 1.000 Radl-Kilometer in den Beinen und schon ertappe ich mich dabei, wie ich den nächsten, voll bepackten Radreisenden sehnsüchtig hinterher schaue. Ich habe wohl doch noch nicht genug vom Gefühl der Freiheit auf zwei Rädern.

Morgens starten mit allen Habseligkeiten, die Straße liegt noch ruhig im Nebel und du bist neugierig auf den Tag. Die Witterung spüren, Sonne, Wärme, Hitze, Regen und Kälte. Den Wind, der dich verzweifeln lässt, wenn er von vorne kommt, und dir Flügel verleiht, wenn er mal von hinten schiebt. Jedes Schlagloch im Asphalt und jeden Hügel. Den Wald riechen, die trockene Erde der abgeernteten Felder, salzige Meeresluft und das dunkle Wasser des Sees.

Kleine Dörfer, verfallene Häuser, ein kleines Café im Nirgendwo. Das Reh, das dich neugierig vom Waldrand anschaut.  Einsame, holprige Waldwege. Tiefer Sand, der dich dein Rad schieben lässt. Das endlose Asphaltband, das am Horizont in eine andere Welt zu führen scheint.

Der Bauer, der dir vom Traktor aus freundlich zuwinkt, als er dich zum dritten Mal in eine riesige Staubwolke hüllt. Der Hundebesitzer, dem du im strömenden Regen als einziger begegnest. Der Pensionist, der in der fast leeren Gaststube aus seinem Leben erzählt.

Alle paar Meter stehen bleiben, weil es gerade so schön ist. Die Stille hören. In den grünen See springen, der dir heute ganz allein gehört. Einfach so auf einem Stein sitzen und in die Landschaft schauen.

Das Hochgefühl, wenn du nach 5 Kilometer Steigung den Gipfel erreichst und dir die Aussicht die Tränen in die Augen treibt. Das Adrenalin, wenn du mit 40 Stundenkilometern den Abhang hinunter fliegst.

Das Leben und die eigene Lebendigkeit spüren. An die Grenzen gehen und sie auch mal verschieben. Allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Aber nie einsam.

Die Freude auf den nächsten Tag und das vertraute Gefühl, wenn du dich wieder in den Sattel schwingst und deine Beine wie von selbst in den gewohnten Rhythmus fallen.

Oh Lord, won’t you buy me…

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Ungläubig schaut mich der Beamte durch die Glasscheibe an.
„Have you ever been to the United States?“
„No.“
„Do you have friends or relatives here?“
„No.“
„And what was your plan again?“
„To cycle along the west coast from Seattle to San Francisco.“
Langsam kommt mir mein Vorhaben auch einigermaßen verrückt vor, und ich kann sogar verstehen, warum mich der Immigration Officer so misstrauisch beäugt. Vielleicht hätte ich mir für meine erste Solo-Reise doch ein etwas kleineres Vorhaben auswählen sollen?

Als vor knapp 20 Stunden der Wecker läutete und das Taxi mich und mein gut verpacktes Fahrrad zum Flughafen brachte, war da schon ein leicht komisches Gefühl. Vier Wochen, so ganz allein. Aber Vorfreude und Reisefieber überwogen – und die Neugier, wie es mir wohl ergehen wird.

Aber aktuell sieht es eher so aus, als würde ich schon bei der Einreise scheitern. Die Frage nach meinen Barmitteln macht den Beamten auch nicht freundlicher. Als ich ihm meine Kreditkarte zeige, um zu beweisen, dass ich für die nächsten Wochen zumindest für mich selbst sorgen kann, entdeckt er den akademischen Titel, der ihn dann doch milde stimmt. Jemand, der ein Studium abgeschlossen hat, kann wohl kein Schmarotzer sein (manchmal hilft die österreichische „Titel-Verliebtheit“ ja doch).

Er lässt mich ziehen, und einige Zeit später nehme ich mein leicht verbogenes Fahrrad in Empfang. Auf zwei Rädern komme ich also nicht bis Seattle Stadt. Und schon dämmert mir eine der ersten Erkenntnisse des Alleinreisens: man kann sich nicht darauf verlassen, dass es einer der anderen Mitreisenden erledigt. Entweder man nimmt die Dinge selbst in die Hand oder es wird nichts passieren. Kurzerhand frage ich ein deutsches Pärchen, das ebenfalls mit verpackten Rädern in die Stadt möchte, ob ich mich ihnen anschließen kann.

Am Abend sitze ich nach meinem ersten amerikanischem Burger an der „Fishermen’s Wharf“ und schaue in die untergehende Sonne, die den Hafen mit den vielen kleinen Inseln im Hintergrund in goldenes Licht taucht. Mir brummt der Kopf von der langen Anreise und der Zeitverschiebung. Vielleicht kommen ja daher die vollkommene Ruhe und Zufriedenheit, die mich erfüllen.

Es fühlt sich ein klein wenig unwirklich an, allein in einem fremden Land, fast am anderen Ende der Welt…

Zwei Tage später beiße ich hoch oben über dem Meer auf einer der Inseln im Puget Sound genüsslich in mein Erdnussbutter-Sandwich und lasse meinen ersten Tag auf dem Fahrrad Revue passieren: den kühlen Morgen, als die Fähre zum Bainbridge Island aus dem Nebel auftaucht. Mein voll bepackter, mittlerweile wieder fahrtüchtiger Drahtesel neben mir. Die wunderschöne Küstenstraße, die sich den Hügeln entlang schlängelte – und mich angesichts der vielen Steigungen krampfhaft überlegen ließ, welchen Teil meines Gepäcks ich zurücklassen könnte.

Hinter mir steht mein nagelneues Zelt ein bisschen einsam im Schatten der Bäume. Das einmalige „Trockentraining“ zuhause in der Wohnung hat gereicht, um es jetzt ohne große Probleme aufzubauen. Um diese Jahreszeit scheint nicht mehr viel los zu sein auf den wirklich wunderschön gelegenen Hiker & Biker Campingplätzen. Ein paar Meter weiter steht noch ein Campingbus mit einem Ehepaar. Ansonsten gehört der Platz mir. Aber ich bin viel zu müde heute, um mir groß darüber Gedanken zu machen, wie abgelegen es hier ist. „Ein heiße Dusche wäre aber schon noch etwas Feines…“ denke ich mir, als ich in meinen Schlafsack krieche und das Meeresrauschen mich in den Schlaf begleitet.

Nach ein paar Tagen ist das tägliche Zelt ab- und wieder aufbauen schon fast Routine. Ich erfreue mich an den Abenden in der Natur mit meist grandiosen Ausblicken. Die Nächte sind allerdings schon recht kühl und morgens fällt es mir nicht immer leicht, den wärmenden Schlafsack zu verlassen. Besonders, wenn der Regen monoton auf mein Zeltdach klopft, verkrieche ich mich noch ein wenig tiefer und fühle mich warm und geborgen in meinem kleinen „Haus“.

Unterwegs werde ich immer wieder angesprochen und ernte überraschte oder gar entsetzte Blicke, wenn ich von meinem Vorhaben erzähle: den Highway No. 1 entlang der Pazifikküste ganz allein zu erradeln.

„You are all by yourself? Aren`t you scared? “

Irgendwann gebe ich auf und wage mich in einen der Gun-Shops am Weg, um mir ein Döschen Pfefferspray zu besorgen. Wenn es für sonst nichts gut ist, hilft es ja vielleicht, falls mir ein Bär begegnen sollte. Wenn ich nachts manchmal in meinem stockdunklen Zelt aufwache und überlege, ob das seltsame Geräusch nur der schnarchende Nachbar ein paar Zelte weiter oder doch ein Fabeltier aus einem der letzten Horrorfilme ist, dann vertraue ich eher auf meine kleine „Zelt-Festung“ als auf ein bisschen Pfeffer. Ist zwar nicht ganz logisch, aber wirkt immer.

Die gewaltige Natur im Olympic National Park ist beeindruckend. Alles ist um so viel größer und weiter als im engen Europa. Das monotone Treten gibt meinen Gedanken genug Zeit, auf die Reise zu gehen. Bis jetzt unentdeckte Winkel zu erkunden, neue Wege zu denken oder einfach nur zu sein. „Ach, schau mal, was für eine hübsche Blume. – Ist diese Felsenlandschaft nicht grandios. – Ich glaube, ich habe noch nie so einen wilden Strand gesehen. – Wie mag das Wetter gerade zuhause sein. – War das jetzt gerade ein Eichhörnchen oder doch eher eines von diesen Streifenhörnchen aus den Zeichentrickfilmen? – …“

Manchmal vergeht eine Stunde, ohne dass ich einer Menschenseele begegne. Dann wieder „reite“ ich in ein kleines Städtchen ein, dessen Häuser aus einem Westernfilm stammen könnten. An der Bar im nächsten Coffee Shop lasse ich mir ein echtes amerikanisches Frühstück servieren und lausche den Gesprächen der Holzfäller neben mir.

Die steilen Küstenstraßen in Oregon lassen mich manchmal verzweifeln, besonders morgens, wenn die Septemberluft noch kühl ist und der Nebel tief über den Stränden liegt. Dann spukt mir immer wieder das Lied von Janis Joplin „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz…“ im Kopf herum und lenkt mich etwas ab vom schweißtreibenden Aufstieg. Doch der grandiose Ausblick nach der nächsten Kurve lässt mich wieder alles vergessen und die rasende Abfahrt hinunter zur Küste, die mit bizarren Felsformationen verziert ist, verleiht mir Flügel. Im nächsten kleinen Tante-Emma-Laden an der Strecke wärmt mich später der zwar dünne, aber glühend heiße Kaffee und weckt neue Lebensgeister.

Ehrfürchtig setzte ich im weichen Moos der Redwoods einen Fuß vor den anderen. Unter den riesigen Bäumen komme ich mir sehr klein vor und die schräge Morgensonne, die durch die Stämme leuchtet, gibt mir das Gefühl, in einer großen Kirche zu stehen. Kein Mensch da, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte oder der mich ablenkt. Ganz zurück geworfen auf mich selbst und doch so spannend, heraus zu finden, was in mir noch alles zu finden ist. Noch unentdeckt.

Ich sauge alle Eindrücke in mich auf. Lasse mir Zeit. Da ist keiner, der drängelt oder ins nächste Café will. Wenn ich stehen bleiben möchte, um die Aussicht auf die Küste zu genießen, dann bleibe ich einfach stehen. Und nach 20 Metern gleich noch einmal, weil nun ein weiterer, dunkler Fels-Monolith aus dem Meer aufgetaucht ist.

Dem eigenen Rhythmus zu folgen verleiht mir eine eigenartige, innere Ruhe, die mich im Hier und Jetzt leben lässt. Ein Tag nach dem anderen. Was kümmert es mich, ob es morgen regnet oder der Zeltplatz vielleicht schon voll ist. Wenn es soweit ist, wird sich eine Lösung finden.

Ab und zu unterbreche ich meine Zeltnächte in einer Jugendherberge, die am Weg liegt – und bin zu meiner Überraschung auch mal wieder froh über Gleichgesinnte, mit denen man sich am Abend austauschen kann. Bis jetzt hielt ich mich immer für jemanden, der auch ganz gut ohne Gesellschaft auskommt.

Gut vier Wochen nach meinem Start im nebeligen Seattle radle ich über die Golden Gate Bridge nach San Francisco. Vom Meer unter mir ist nichts zu sehen und die roten Brückenpfeiler schweben wie aus dem Nichts über dem dichten, weißem Nebel, der die ganze Bucht ausfüllt. Die 2.250 Kilometer waren nicht nur eine Reise entlang einer der schönsten Küstenlandschaften, sondern auch eine Reise mit mir, auf der ich mich ganz gut angefreundet habe mit den neu entdeckten Seiten an mir. Mein Tagebuch ist mittlerweile randvoll mit den vielen Eindrücken und Erlebnissen der letzten Wochen. Aber auch mit meinen Gedanken, Kommentaren, mit Anfeuerung und Stolz.

Das andere Ufer rückt näher und schon tauchen schemenhaft die ersten Häuser auf. Und obwohl ich in diesem Moment um nichts in der Welt meine zwei Räder gegen einen Mercedes tauschen würde, kommt mir Janis Joplin wieder in den Sinn und dieses Mal kann ich nicht anders und singe das Lied aus vollem Hals: „Oh Lord,….!“

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Sie ist nun schon viele Jahre her, meine erste Solo-Reise. Viele weitere sind gefolgt. Und ich genieße nach wie vor das Gefühl der Freiheit, wenn ich mich am Beginn des Tages auf meinen bepackten Drahtesel schwinge und die Straße in der Morgensonne verheißungsvoll vor mir liegt.

(USA, September 1995)

Wunderland

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Der Geruch von Thymian umgibt uns, als wir durch das kniehohe, vom Regen noch feuchte Gras wandern. Die Nachmittagssonne kämpft sich durch die Regenwolken und bringt die langen Moos-Bärte der Bäume in einem hellen Grün zum Leuchten. Unser Weg führt entlang eines steilen Felsenabbruchs, der dicht bewachsen ist. In der Ferne heben sich bizarre Felsformationen von den dunklen Wolken ab.

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Der Regen hat gerade erst aufgehört und die Sonnenstrahlen zeichnen helle Muster auf die mit Feldern überzogenen Plateaus unter uns. Ich komme mir vor wie in einer Fantasiewelt, so fremdartig und fantastisch erscheint mir die Landschaft. Wir bleiben oft stehen, machen Fotos oder genießen einfach die Aussichten.

Und plötzlich ist die Wiese vor uns in Bewegung: eine Herde von Dscheladas – Blutbrustpavianen, die es nur noch hier im Simien Gebirge gibt – zieht vor uns durch das hohe Gras. Ihre langen, dichten Haare wehen im Wind während sie die Grasbüschel ausreißen und dann genüsslich zwischen den kräftigen Zähnen zermahlen. Ihre Laute, mit denen sie ständig in Kontakt sind, klingen fast menschlich. Ab und zu hört man lautes Geschrei, weil sich wieder zwei in die Haare bekommen, und die beeindruckenden Eckzähne werden durch Hochstülpen der Oberlippe gezeigt. Daneben balgen Babys im Gras oder krallen sich im dichten Fell der Mutter fest. Die Herde scheint völlig unbeeindruckt von unserer Gegenwart und dem Klicken der Kameras.

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Ein prächtiges Männchen sitzt vor mir und der blutrote Brustfleck ist deutlich zu erkennen. Nachdenklich blickt er in die Ferne und ich würde zu gerne wissen, was gerade in dem zotteligen Kopf vorgeht.

Abends im Zelt höre ich das Gemurmel unserer Scouts, die nebenan in den Büschen Schutz vor der Kälte gesucht haben. In Plastiksandalen und Decken gehüllt, ein altes Gewehr am Rücken und von undefinierbarem Alter begleiten sie uns während der fünf Tage durch diese einzigartige Landschaft.

Während ich am nächsten Morgen nach Luft ringend in der dünnen Höhenluft langsam einen Fuß vor den anderen setze, wartet „mein Scout“, der mit mir gemeinsam das Rücklicht bildet, immer wieder geduldig auf mich. Manchmal lächelt er und in seinem Gesicht breiten sich lauter kleine Fältchen aus. Oder er deutet auf eine winzige Blume, die zwischen den Felsen um ihr Leben kämpft. Viel mehr Kommunikation ist nicht möglich, da er kein Englisch spricht und mein Amharisch sich nur auf ein paar Worte beschränkt.

P1300199Immer wieder bleibe ich stehen, nicht nur, um nach Luft zu schnappen, sondern auch, um den nächsten dramatischen Ausblick zu genießen: tiefe Schluchten, zwischen denen der Nebel aufsteigt. Weite Ausblicke über die Ebene, auf der sich Palmen locker verteilt haben. Ein Lämmergeier, der hoch oben kreist. Ein Pärchen Erzraben vor mir auf einem Felsen unterhält sich mit knarrenden Geräuschen. Dann wieder Stille, und ich höre nur meinen keuchenden Atem.

Wir haben die 4.000 Meter Grenze überschritten und der Blick scheint endlos weit zu reichen. Selbst die Wolken haben schon aufgegeben und hängen unter uns zwischen den Bergen. Die Sonne meint es heute gut mit uns und ihre warmen Strahlen sind eine willkommene Abwechslung zur kalten Nacht im Zelt.

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Der Scout bleibt stehen und dreht sich um. Deutet dann auf die Felsen vor uns. Und richtig, dort stehen ein paar Walia Steinböcke und lassen sich die Sonne auf ihr dichtes Fell scheinen. Wunderschön sind sie mit ihren langen geschwungenen Hörnern und dem in unterschiedlichen Brauntönen gezeichnetem Fell. Auch mein Scout scheint sich zu freuen, dass wir doch noch welche entdeckt haben. Dieses Mal ist das Lächeln noch breiter und gibt den Blick auf ein paar verbliebene Zähne frei. Andächtig beobachten wir die kleine Herde, die langsam weiterzieht und schließlich wieder zwischen den großen Felsblöcken verschwindet.

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(Äthiopien, November 2018)

Die andere Seite

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Es ist der letzte Tag unserer Reise und wir sind in einem Minibus unterwegs nach Langa, dem ältesten Township von Kapstadt. Außer mir sitzt nur noch Niklas aus meiner Reisegruppe mit im Bus. Ursprünglich wollten noch einige andere mit, doch dann meinten sie „zu deprimierend“ oder „ich mag nicht Armut schauen gehen“.

Unser Guide Lee, der selber in Langa lebt, macht allerdings keinen deprimierten Eindruck, sondern scheint im Gegenteil vor lauter Energie zu sprühen. Sein Redefluss ist kaum zu bremsen, während er uns über die wechselvolle Geschichte seines Viertels erzählt, das schon 1927 als erster Stadtteil nur für Schwarze gegründet wurde.

Nach einer kurzen Fahrt halten wir in einer ruhigen Straße. Links scharen sich Gebäude und einige winzige Wellblechhütten um einen größeren, staubigen Platz, auf dem Kinder spielen. Geradeaus steht ein etwas größeres Haus, das als eine Art Versammlungspunkt dient, wie uns erklärt wird.

Wir steigen aus und schlendern langsam zu dem Platz, während wir weiterhin mit Informationen überschüttet werden. Lee erzählt uns, dass die Kinder oft für die Touristen singen und tanzen und dafür auch eine kleine Gegenleistung erwarten. Das sei für sie an den Wochenenden auch eine Beschäftigung, wenn keine Schule ist. Nachdem wir aber unvorbereitet sind und keine „Mitbringsel“ dabei haben, lassen wir diesen Programmpunkt aus (um die Kinder auch nicht zu enttäuschen).

p1020783Rechts vom Platz zweigt eine schmale Gasse ab, die durch die Wellblechhütten führt. Es sind kleine Bauten, die meist nur die Größe eines Zimmers haben, in denen aber ganze Familien leben. Sie seien immer noch eine willkommenere Alternative zu den Gemeinschaftsquartieren, in denen es fast keine Privatsphäre gibt. Nur als Übergangslösung gedacht, solange die Leute auf eine Sozialwohnung warten: doppelstöckige Reihenhäuser, in denen die Wohnungen erschwinglich sind.

Wir besuchen eine der kleinen Hütten, die schon fast als Luxus gilt, weil sie über drei Räume verfügt. Lee schildert uns, wann man seine Hütte bauen muss, damit sie nicht gleich wieder abgerissen wird: anscheinend darf alles, was länger als 48 Stunden steht, nicht mehr entfernt werden. Und so wird eine Hütte bei „Nacht und Nebel“ übers Wochenende errichtet. Den Kontrolleuren, die am Montag wieder kommen, wird erzählt, dass sie ja eh schon immer da gestanden habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in dem Labyrinth aus Wellblech schwierig ist, den Überblick zu bewahren.

Während seiner Erzählung bewundern wir den Einfallsreichtum, mit dem das Heim, in der wir sitzen, gebaut und eingerichtet wurde: Kronkorken werden als Unterlage für die Nägel im Wellblech verwendet, auf dem Tisch steht ein Mixer, der zu einer Lampe umgebaut wurde. Alles hat seinen Platz, ist liebevoll gepflegt, auch wenn die Polster der Sessel schon bessere Zeiten gesehen haben und hie und da die Füllung hervorschaut.

Mittlerweile ist noch Lara, eine zweite Führerin, mit einem Ehepaar gekommen und die kleine Behausung ist schon fast überfüllt. Die Besitzerin hat sich in ein angrenzendes Zimmer zurück gezogen: eine älter Dame im geblümten Kleid und großem Sonnenhut. Wir erfahren, dass ihr Mann seit längerem Krebs hat und die Guides zusammengelegt haben, damit er seine Behandlung bezahlen kann.

Lara erzählt uns aus ihrem Leben als alleinstehende Mutter im Township und der Hoffnung, dass ihre kleine Tochter nicht auf die schiefe Bahn gerät. Und von dem Jungen aus Langa, der vor kurzem einen nationalen Wettbewerb für Mathematik gewonnen hat. „Das sind die Vorbilder, die wir für ihre Kinder brauchen.“, meint Lee, „Sie sollen wissen, dass man es schaffen kann, wenn man nur will und etwas dafür tut.“

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Unsere nächste Station ist eine „Kneipe“, auch aus Wellblech zusammengezimmert. Es gibt nur einen großen Raum, an dessen Rand lange Bänke stehen. Hier dürfen wir das lokale Bier, Umqombothi, kosten. Es wird in einem großen Blecheimer serviert, auf dem zentimeterdick weißer Schaum schwimmt. Der Eimer geht reihum und jeder der Anwesenden in der Hütte nimmt einen großen Schluck. Lee zeigt uns, wie wir den Schaum zu Seite blasen und dann den Eimer vorsichtig zum Mund führen sollen (wer nicht trinken mag, tut einfach so, indem er das Blech kurz an die Lippen hält). Niklas fragt kurz nach einem Glas, aber die hochgezogenen Augenbrauen von Lee und ein Blick zur „Theke“ machen klar, dass es so etwas hier nicht gibt.

Anschließend gehen wir vorbei an den Sozialbauten aus dunklen Ziegelsteinen Richtung „Beverly Hills“ von Langa: hier wohnen die, die es geschafft haben. Richter, Doktoren, Geschäftsleute, die sich ein Haus und Auto leisten können, aber trotzdem die Gemeinschaft des Townships nicht verlassen wollen. Es gibt zwar auch hier Mauern, aber weder Stacheldraht noch Elektrozaun, wie man sie sonst überall in Südafrika sieht.

Auf dem Rückweg kommt uns eine Gruppe singender Männer entgegen, die in Decken gehüllt sind. Ihre Gesichter sind rot vom Lehm. Das sind Xhosa, erklärt uns Lee, die gerade ihre Beschneidungszeremonie hinter sich haben. Vier Wochen waren sie im Busch auf sich allein gestellt. Nun sind sie vom „Boy“ zum „Mann“ geworden. Ich bin überrascht, dass dieses Ritual immer noch praktiziert wird – mitten in der „Zivilisation“. Nur die Dauer wurde von 6 Monaten auf einen Monat verkürzt, um in der modernen Arbeitswelt Platz zu haben. Die Gruppe zieht nun zu jedem Haus, in dem einer der jungen Männer wohnt, und feiert seine gesunde Rückkehr.

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Am Straßenrand steht ein Holztisch, der mit abgeschnittenen Schafsköpfen bedeckt ist. Kein schöner Anblick, aber Anlass für Lee ein Loblied auf die Leute zu singen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: wie der Mann, der die Schafsköpfe von den Schlachtern einsammelt, sie säubert und an Restaurants weiterverkauft (Schafkopf ist eine lokale Spezialität).

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Unser letzter Halt ist das Gemeindezentrum von Langa, wo lokale Künstler ihre Werke zum Verkauf anbieten. Die angebotenen Waren unterscheiden sich erfrischend von dem Einerlei, was es sonst in den Souvenirläden zu kaufen gibt. Und als ich eine hübsche, getöpferte Schale erstehe, habe ich das Gefühl, zumindest einen kleinen Beitrag zu dieser Gemeinschaft zu leisten.

Die glänzenden Wolkenkratzer, schönen Villen, Weingüter und Naturparks sind nur eine Seite Südafrikas. Die andere, sehr lebendige und sympathische Seite durfte ich heute sehen und erleben.

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(Südafrika, Januar 2019)