Auf den Stufen der Pilger

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Ich bleibe stehen, weil mich irgendwas an meinem Schienbein zwickt. Ziehe das Hosenbein hoch und entdecke im Schein der Stirnlampe einen Blutegel, der wohl gerade zu einem frühen Snack ansetzen will. Gerade noch erwischt. Mit etwas Zug lässt sich der schwarze Wurm noch von meiner Haut lösen.

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Der Schweiß hat mittlerweile Unterhemd und T-Shirt durchnässt und ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Flüssigkeit man in so kurzer Zeit produzieren kann. Ich schalte meine Lampe aus und lasse die Umgebung auf mich wirken. Rundherum Dunkelheit, am Himmel ein paar Sterne und der schwache Schein des Mondes. Von den dicken Regenwolken vom Vorabend, hinter denen sich unser heutiges Ziel versteckte, ist nichts mehr zu sehen. Kurz nach 2 Uhr nachts sind wir zum heiligsten Berg der Singhalesen aufgebrochen: dem Sri Padaya. Oder auch Adam’s Peak, wie er von den Portugiesen getauft wurde.

Mittlerweile hat sich die Gruppe zerstreut, jeder kämpft alleine mit sich und den über 5.000 Stufen, die zum Gipfel führen. Still ist es, nur mein Atem ist zu hören. Ein paar Bäume und Büsche lassen sich schemenhaft in der Dunkelheit erahnen. Ab und zu leuchten die hellen Punkte von Stirnlampen über mir.

Vielleicht ist es ganz gut, dass man nicht sieht, wie viele der unregelmäßigen, steilen Stufen noch zu erklimmen sind.

Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, konzentriere mich darauf, den Fuss auf die nächste Stufe zu setzen. Ein junges Pärchen zieht mit schnellem Schritt zum dritten Mal an mir vorbei – nur um 10 Minuten später wieder schwer atmend am Rand zu stehen und von mir überholt zu werden. Langsam wird die Luft kühler und die Treppe windet sich in immer schmäleren Kurven den Berg hinauf. Ich muss Ästen ausweichen, die tief über dem Weg hängen. Nicht auszudenken, was sich hier abspielt, wenn in zwei Wochen mit Beginn der Pilgerzeit zum Vollmond mehrere Tausend Menschen gleichzeitig hier hoch wollen.

Der Geruch von frischem Brot weht mir entgegen. Und tatsächlich hat eine der kleinen Hütten entlang des Weges schon geöffnet und lockt mit heißem Tee und Roti, köstlichem Fladenbrot. Kurz bleibe ich stehen, erfreue mich am Lichtschein und der Wärme, den die Bretterbude ausstrahlt. Dann widerstehe ich der Versuchung und steige langsam hinauf über die Stufen. Weit kann es nun nicht mehr sein.

Und wirklich, nach gut 15 Minuten stehe ich vor einer Mauer mit ein paar Stufen, auf denen schon ein paar müde Touristen sitzen. Es ist kurz nach 5 Uhr, noch keine Sonne zu erblicken und es bläst ein unfreundlicher Wind hier oben auf über 2.000 Metern. Hinter der Mauer liegt der kleine Tempel, der angeblich einen Fußabdruck Buddhas beherbergt. Das Ziel der Gläubigen, die alljährlich von Dezember bis Mai die Strapazen der 5.000 Stufen auf sich nehmen.

Doch heute ist das Tor zu, und die Aussicht auf die umliegenden Hügel wird durch ein hässliches Betongebäude verstellt. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Immerhin gibt es zum Aufwärmen einen Schluck Rum aus der mitgebrachten Plastikflasche.

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Als sich am Horizont die ersten orangen Streifen zwischen den Wolken zeigen, steigen wir wieder ein Stück über die Treppen hinab. Und nun offenbart sich die umliegende Landschaft vor uns in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Kleine und größere grüne Hügel strecken ihre Spitzen aus den Nebelschwaden im Tal. Ein See glitzert in der Ferne und der Wasserfall auf der gegenüberliegenden Felswand wird langsam in frisches Sonnenlicht getaucht. Die Stufen, malerisch eingerahmt vom roten Geländer, tauchen aus der Dämmerung auf, nur um weiter unten wieder im Nebel zu verschwinden.

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Der Abstieg fordert weniger Atem, dafür aber umso mehr Beinmuskulatur, die sich in den nächsten Tagen beleidigt zeigen wird. Ein Schmuckbülbül macht seinem Namen alle Ehre und stellt sein gelbes Gefieder in der noch tief stehenden Sonne zur Schau. Nach drei Stunden abwärts über die Steinstufen gehen wir mit weichen Knien und brennenden Oberschenkeln das letzte Stück durch die noch geschlossenen und leeren Verkaufsstände. In ein paar Wochen werden hier wieder Opfergaben und Verpflegung für die zahlreichen Pilger angeboten. Die Sonne schickt wieder unbarmherzig ihre Strahlen zu uns. Ein paar Affen brettern geräuschvoll über die Blechdächer der Buden.

Als ich noch mal zurückschaue, erblicke ich nun endlich auch den markanten Berg mit dem kleinen Tempel auf seiner Spitze, der sich steil in den Himmel reckt und schon wieder so weit weg erscheint. Ein paar meiner Sünden habe ich heute Nacht auf ihm auch abgebüßt 😉

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(Sri Lanka, November 2019)

 

Schmetterlingsdorf

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Schmetterlinge, überall. Wie kleine, weiße Schneeflocken tanzen sie vor uns durch die Luft. Sitzen in Scharen am Straßenrand, kleine Meere aus sich bewegenden schwarz-weißen Flügeln. Man muss aufpassen, dass man nicht auf sie drauftritt.

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Wir sind auf der Suche nach einem After-Dinner Bier. In unserem Guesthouse findet heute eine Hochzeit statt und gerade ist das Brautpaar eingetroffen: die junge Braut sehr hübsch im schulterfreien, weißen Kleid, der Bräutigam in dunkler Hose und weißem Hemd. Der Eingang des großen Zeltes ist von abgeschnittenen Birkenzweigen eingerahmt. Drinnen reiht sich Tisch an Tisch, schon gut gefüllt mit den Gästen. Nachdem unsere Gastgeber alle Hände voll zu tun hatten, wollten wir als Touristen nicht weiter stören und haben uns verdrückt.

Das von uns angesteuerte Café am Fluss hat leider schon geschlossen und wir schlendern durch die Schmetterlinge zurück. Gegenüber unserer Unterkunft gibt es ein kleines Häuschen mit Veranda, in dem man anscheinend auch Bier erwerben kann. Von oben winken uns ein paar Einheimische hinauf. Und gleich darauf schließt der Bruder der Braut kurz die Tür auf, um uns aus dem Kühlschrank ein paar Biere zu verkaufen. Dann verschwindet er wieder in Richtung Hochzeit.

Die drei Georgier wollen uns ihre Sessel anbieten, doch wir fühlen uns ganz wohl, so ans Verandageländer gelehnt. Jemand bringt von drüben einen Teller mit Eintopf und dem obligatorischen Fladenbrot. Wir werden aufgefordert, uns auch zu bedienen. Gar nicht so einfach, mit einem Stück Brot etwas Eintopf vom Teller in den Mund zu befördern, ohne die Hälfte unterwegs zu verlieren.

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Wir trinken unser Bier, tratschen etwas über den heutigen Tag, während die anderen auf Georgisch ein paar Sätze austauschen. Dann steht eine kleine Cola-Plastikflasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit neben dem Teller mit dem Eintopf auf dem Tisch. Wir fangen an zu rätseln, was die Flasche wohl enthält – Wasser wird es wohl nicht sein.  Der Besitzer der Flasche schaut mich an und fragt: „Cha-Cha?“ – so wird der lokale Schnaps genannt, der meistens aus Trauben gebrannt wird. Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, diese Spezialität zu probieren.

„Cha-Cha! Yes, please!“
ist also meine Antwort – und damit scheint das Eis gebrochen.

Ich bekomme ein Glas mit dem Getränk aus der Cola-Flasche gereicht – und bin überrascht wie mild und fruchtig der Hochprozentige schmeckt. Die Männerrunde hat wohl ihre Freude, dass ihr Getränk so gut Anklang findet, und natürlich geht das Glas weiter an meine Mitreisendenden. Und landet kurz darauf wieder bei mir: „Gagimardschos!“ – „Prost“. Eines der wenigen georgischen Wörter, die ich mir gemerkt habe. Ich stelle das leere Glas wieder auf den Tisch – und es wird sogleich wieder aufgefüllt. Lektion Nr. 2: immer einen Rest im Glas lassen, sonst kommt es gut gefüllt wieder zu mir zurück.

Der Cha-Cha Spender erklärt im gebrochenen Englisch, dass ihm der Wehrturm gehört, der eine Straße weiter in den Himmel ragt. So sieht also ein Turmherr aus. Gar nicht mal so schlecht 😉

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Als die zweite Cola-Flasche am Tisch steht, wollen wir diese Runde bezahlen. Was aber unter keinen Umständen erlaubt wird. Dafür macht das Glas wieder die Runde und wir trinken auf Germania, Austria und Georgien. Inzwischen stehen noch ein paar weitere Teller mit Essen am Tisch. Der Bruder der Braut versorgt uns noch mal mit einer Runde Bier aus dem Kühlschrank, dessen Inhalt sich gefährlich nahe dem Ende zuneigt.

Obwohl das Cha-Cha Glas auch immer wieder bei meinen Begleitern vorbeikommt, landet es doch sehr oft mit „Gagimardschos!“ und meinem Namen bei mir. Ich scheine für heute die Cha-Cha Queen zu sein.

Als dann das Gespräch auf Fußball kommt, wird die Stimmung noch ausgelassener. Unsere einheimischen Freunde dürften doch ein paar deutsche Fußballer und deren Mannschaften kennen: Dynamo Dresden, Herta BSC, Werder Bremen und sogar auf die Rapid Wien wird angestoßen. Beim Namen „Kobiaschwilli“ bricht reihum der Jubel los – ein georgischer Fußballer, der zuletzt wohl bei Herta BSC gespielt hat und nun Präsident des Georgischen Fußball-Verbandes ist. Das Cha-Cha Glas macht wieder die Runde, Umarmungen und einer meiner Mitreisender wird sogar auf die Wange geküsst. Beim Fußball versteht man sich halt in allen Sprachen 🙂

Mittlerweile hat sich die Terrasse mit weiteren Männern gefüllt. Eine dritte Cha-Cha Flasche steht auf dem Tisch. Silvia und ich sind die einzigen Frauen in der Runde. Gut, dass wir noch Verstärkung von zwei männlichen Mitgliedern aus der Reisegruppe haben – sonst wäre uns schon etwas mulmig zumute. Obwohl die Stimmung zwar ausgelassen, aber keineswegs bedrohlich ist.

Irgendwann beschließen wir dann, das Ende der dritten Cha-Cha Flasche nicht mehr abzuwarten, sondern schon vorher Richtung Guesthouse zu wanken. Trotzdem fühlt sich mein Kopf am nächsten Morgen so an, als hätten sich alle Schmetterlinge des Dorfes darin versammelt. Aber für diesen Abend hat es sich auf jeden Fall gelohnt 🙂

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(Georgien, Juni 2019)

Hinter den sieben Bergen…

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Natürlich gibt es hier keine Zwerge, aber ein bisschen fühlt es sich so an, als wäre man in einer Märchenwelt, weit weg vom normalen Leben. Nach Zugdidi, der letzten größeren Stadt, schlängelt sich die Straße entlang des Enguri Flusses durch grüne Berge Richtung Kaukasus. Wald, der sich rechts und links an die steilen Berghänge schmiegt. Der Enguri Staudamm, einer der höchsten Staudämme der Welt, legt noch beeindruckend Zeugnis ab von menschlicher Gegenwart. (Und ist zugleich eine Besonderheit, die der Völkerverständigung dient, da sich der Stausee auf georgischem Gebiet befindet, das Kraftwerk aber im benachbarten Abchasien – ein Staat, von dessen Existenz ich hier das erste Mal höre.)

Danach schraubt sich unser Minibus immer höher die schmalen Serpentinen hinauf, während tief unter uns der Fluss immer wilder und ungezähmter erscheint und riesige Felsbrocken in seinem Bett von der Kraft des Wassers erzählen. Eine Zeitlang säumen unzählige Bienenstöcke die Straße, die ab und zu Gesellschaft von einer kleinen Holzhütte haben, vor der ein Schild in ungelenker Schrift Honig zum Verkauf anpreist. Wolken hängen tief über den Berggipfeln und ein kurzer Regenschauer verstärkt die düstere Stimmung.

Und dann weitet sich das Tal plötzlich, der blaue Himmel strahlt über uns und links und rechts erstrecken sich Blumenwiesen in einer Blütenvielfalt, die unsere Wiesen traurig und öde aussehen lässt.

Das muss Swanetien sein!

Kühe gehen auf der Straße spazieren oder dösen gleich mitten auf der Fahrbahn. Hier wohl eine Selbstverständlichkeit, denn unser Fahrer fährt kommentarlos Slalom zwischen den Rinderviechern, ohne dass diese sich nur auch einen Millimeter bewegen. Die Straße wird teilweise holpriger, nicht asphaltiert und über kurze Strecken sogar schlammig. Wir bewegen uns nur noch im Schritttempo auf das kleine Dorf zu, dessen halb verfallene Steinhäuser am Horizont auftauchen.

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An unserem fünften Wandertag übernachten wir im kleinen Dorf Adishi. In 2.100 Meter Höhe gelegen wurde es 1985 von mächtigen Lawinen zum größten Teil zerstört und die Bewohner in der Folge umgesiedelt. Mittlerweile sind einige Familien (genau sechs, wenn man den Reiseführern glauben darf) wieder zurückgekehrt und leben hier den Sommer über. Bei unserem Abstieg Richtung Dorf kann ich nur Ruinen und die mächtigen Wehrtürme erkennen und frage mich schon, in welchem der halb verfallenen Steinbauten wir wohl unser Nachtlager aufschlagen werden. Aber beim Gang durch die engen Gassen erkennt man immer wieder neuere Bauten, die sich zwischen die alten Steinhäuser quetschen. Die Haupteinnahmequelle sind hier wohl die Touristen, denn an jedem der Neubauten hängt ein Schild mit „Guesthouse“ oder „Hotel“.

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Es ist eine eigenartige Mischung, die sich einem beim Rundgang durch die kleine Ansammlung von Häusern präsentiert: alte Steinmauern, von Büschen und Blumen überwuchert, halb verfallen. Eine Kiefer hat es sich auf einem der alten Wehrtürme gemütlich gemacht. Und doch steht dann unter einem erhaltenen Dach eine Kuh, schaut aus einem Loch in der Mauer ein Pferd mit seinem Fohlen. Hinter einem improvisierten Zaun aus einem Bettgestell hält ein traurig dreinblickender Hund Wache. Eine Ziege schaut mürrisch von der Terrasse eines besser erhaltenen Hauses in die Landschaft. Die Muttersau mit ihren Ferkeln flaniert die Mauern entlang und sucht sich ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen.

Der kleine „Market“ besteht aus einem Fenster, hinter dem allerlei Süßigkeiten, Seife und Cola-Flaschen ausgestellt sind. Und die geschäftstüchtige Inhaberin lässt auch vom „homemade“ Wein (ebenfalls in einer Cola-Flasche) kosten. Der berühmte georgische Wein dürfte allerdings woanders produziert werden…

Am Abend sitzen wir in der einzigen Bar am Ortsrand, genießen unser Bier nach den vielen Wanderkilometern der letzten Tage und schauen in den sich verfärbenden Himmel. Irgendwo bellt ein Hund, ein paar Vögel zwitschern noch, bevor sich der Tag verabschiedet. Als die Sonne verschwunden ist, geht auch der Bar-Besitzer schlafen – nicht ohne uns vorher noch mit einem frischen Bier aus dem Kühlschrank versorgt zu haben. Über uns spannt sich der Sternenhimmel, eingerahmt von den Silhouetten der hohen Berge. Wir sind in einer anderen Welt, weit abgeschieden von dem, was wir als Alltag kennen. Und es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich ein Zwerg auftaucht, um unsere Bierflaschen einzusammeln.

(Georgien, Juni 2019)

Radreiselust

Knapp 1.000 Radl-Kilometer in den Beinen und schon ertappe ich mich dabei, wie ich den nächsten, voll bepackten Radreisenden sehnsüchtig hinterher schaue. Ich habe wohl doch noch nicht genug vom Gefühl der Freiheit auf zwei Rädern.

Morgens starten mit allen Habseligkeiten, die Straße liegt noch ruhig im Nebel und du bist neugierig auf den Tag. Die Witterung spüren, Sonne, Wärme, Hitze, Regen und Kälte. Den Wind, der dich verzweifeln lässt, wenn er von vorne kommt, und dir Flügel verleiht, wenn er mal von hinten schiebt. Jedes Schlagloch im Asphalt und jeden Hügel. Den Wald riechen, die trockene Erde der abgeernteten Felder, salzige Meeresluft und das dunkle Wasser des Sees.

Kleine Dörfer, verfallene Häuser, ein kleines Café im Nirgendwo. Das Reh, das dich neugierig vom Waldrand anschaut.  Einsame, holprige Waldwege. Tiefer Sand, der dich dein Rad schieben lässt. Das endlose Asphaltband, das am Horizont in eine andere Welt zu führen scheint.

Der Bauer, der dir vom Traktor aus freundlich zuwinkt, als er dich zum dritten Mal in eine riesige Staubwolke hüllt. Der Hundebesitzer, dem du im strömenden Regen als einziger begegnest. Der Pensionist, der in der fast leeren Gaststube aus seinem Leben erzählt.

Alle paar Meter stehen bleiben, weil es gerade so schön ist. Die Stille hören. In den grünen See springen, der dir heute ganz allein gehört. Einfach so auf einem Stein sitzen und in die Landschaft schauen.

Das Hochgefühl, wenn du nach 5 Kilometer Steigung den Gipfel erreichst und dir die Aussicht die Tränen in die Augen treibt. Das Adrenalin, wenn du mit 40 Stundenkilometern den Abhang hinunter fliegst.

Das Leben und die eigene Lebendigkeit spüren. An die Grenzen gehen und sie auch mal verschieben. Allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Aber nie einsam.

Die Freude auf den nächsten Tag und das vertraute Gefühl, wenn du dich wieder in den Sattel schwingst und deine Beine wie von selbst in den gewohnten Rhythmus fallen.

Oh Lord, won’t you buy me…

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Ungläubig schaut mich der Beamte durch die Glasscheibe an.
„Have you ever been to the United States?“
„No.“
„Do you have friends or relatives here?“
„No.“
„And what was your plan again?“
„To cycle along the west coast from Seattle to San Francisco.“
Langsam kommt mir mein Vorhaben auch einigermaßen verrückt vor, und ich kann sogar verstehen, warum mich der Immigration Officer so misstrauisch beäugt. Vielleicht hätte ich mir für meine erste Solo-Reise doch ein etwas kleineres Vorhaben auswählen sollen?

Als vor knapp 20 Stunden der Wecker läutete und das Taxi mich und mein gut verpacktes Fahrrad zum Flughafen brachte, war da schon ein leicht komisches Gefühl. Vier Wochen, so ganz allein. Aber Vorfreude und Reisefieber überwogen – und die Neugier, wie es mir wohl ergehen wird.

Aber aktuell sieht es eher so aus, als würde ich schon bei der Einreise scheitern. Die Frage nach meinen Barmitteln macht den Beamten auch nicht freundlicher. Als ich ihm meine Kreditkarte zeige, um zu beweisen, dass ich für die nächsten Wochen zumindest für mich selbst sorgen kann, entdeckt er den akademischen Titel, der ihn dann doch milde stimmt. Jemand, der ein Studium abgeschlossen hat, kann wohl kein Schmarotzer sein (manchmal hilft die österreichische „Titel-Verliebtheit“ ja doch).

Er lässt mich ziehen, und einige Zeit später nehme ich mein leicht verbogenes Fahrrad in Empfang. Auf zwei Rädern komme ich also nicht bis Seattle Stadt. Und schon dämmert mir eine der ersten Erkenntnisse des Alleinreisens: man kann sich nicht darauf verlassen, dass es einer der anderen Mitreisenden erledigt. Entweder man nimmt die Dinge selbst in die Hand oder es wird nichts passieren. Kurzerhand frage ich ein deutsches Pärchen, das ebenfalls mit verpackten Rädern in die Stadt möchte, ob ich mich ihnen anschließen kann.

Am Abend sitze ich nach meinem ersten amerikanischem Burger an der „Fishermen’s Wharf“ und schaue in die untergehende Sonne, die den Hafen mit den vielen kleinen Inseln im Hintergrund in goldenes Licht taucht. Mir brummt der Kopf von der langen Anreise und der Zeitverschiebung. Vielleicht kommen ja daher die vollkommene Ruhe und Zufriedenheit, die mich erfüllen.

Es fühlt sich ein klein wenig unwirklich an, allein in einem fremden Land, fast am anderen Ende der Welt…

Zwei Tage später beiße ich hoch oben über dem Meer auf einer der Inseln im Puget Sound genüsslich in mein Erdnussbutter-Sandwich und lasse meinen ersten Tag auf dem Fahrrad Revue passieren: den kühlen Morgen, als die Fähre zum Bainbridge Island aus dem Nebel auftaucht. Mein voll bepackter, mittlerweile wieder fahrtüchtiger Drahtesel neben mir. Die wunderschöne Küstenstraße, die sich den Hügeln entlang schlängelte – und mich angesichts der vielen Steigungen krampfhaft überlegen ließ, welchen Teil meines Gepäcks ich zurücklassen könnte.

Hinter mir steht mein nagelneues Zelt ein bisschen einsam im Schatten der Bäume. Das einmalige „Trockentraining“ zuhause in der Wohnung hat gereicht, um es jetzt ohne große Probleme aufzubauen. Um diese Jahreszeit scheint nicht mehr viel los zu sein auf den wirklich wunderschön gelegenen Hiker & Biker Campingplätzen. Ein paar Meter weiter steht noch ein Campingbus mit einem Ehepaar. Ansonsten gehört der Platz mir. Aber ich bin viel zu müde heute, um mir groß darüber Gedanken zu machen, wie abgelegen es hier ist. „Ein heiße Dusche wäre aber schon noch etwas Feines…“ denke ich mir, als ich in meinen Schlafsack krieche und das Meeresrauschen mich in den Schlaf begleitet.

Nach ein paar Tagen ist das tägliche Zelt ab- und wieder aufbauen schon fast Routine. Ich erfreue mich an den Abenden in der Natur mit meist grandiosen Ausblicken. Die Nächte sind allerdings schon recht kühl und morgens fällt es mir nicht immer leicht, den wärmenden Schlafsack zu verlassen. Besonders, wenn der Regen monoton auf mein Zeltdach klopft, verkrieche ich mich noch ein wenig tiefer und fühle mich warm und geborgen in meinem kleinen „Haus“.

Unterwegs werde ich immer wieder angesprochen und ernte überraschte oder gar entsetzte Blicke, wenn ich von meinem Vorhaben erzähle: den Highway No. 1 entlang der Pazifikküste ganz allein zu erradeln.

„You are all by yourself? Aren`t you scared? “

Irgendwann gebe ich auf und wage mich in einen der Gun-Shops am Weg, um mir ein Döschen Pfefferspray zu besorgen. Wenn es für sonst nichts gut ist, hilft es ja vielleicht, falls mir ein Bär begegnen sollte. Wenn ich nachts manchmal in meinem stockdunklen Zelt aufwache und überlege, ob das seltsame Geräusch nur der schnarchende Nachbar ein paar Zelte weiter oder doch ein Fabeltier aus einem der letzten Horrorfilme ist, dann vertraue ich eher auf meine kleine „Zelt-Festung“ als auf ein bisschen Pfeffer. Ist zwar nicht ganz logisch, aber wirkt immer.

Die gewaltige Natur im Olympic National Park ist beeindruckend. Alles ist um so viel größer und weiter als im engen Europa. Das monotone Treten gibt meinen Gedanken genug Zeit, auf die Reise zu gehen. Bis jetzt unentdeckte Winkel zu erkunden, neue Wege zu denken oder einfach nur zu sein. „Ach, schau mal, was für eine hübsche Blume. – Ist diese Felsenlandschaft nicht grandios. – Ich glaube, ich habe noch nie so einen wilden Strand gesehen. – Wie mag das Wetter gerade zuhause sein. – War das jetzt gerade ein Eichhörnchen oder doch eher eines von diesen Streifenhörnchen aus den Zeichentrickfilmen? – …“

Manchmal vergeht eine Stunde, ohne dass ich einer Menschenseele begegne. Dann wieder „reite“ ich in ein kleines Städtchen ein, dessen Häuser aus einem Westernfilm stammen könnten. An der Bar im nächsten Coffee Shop lasse ich mir ein echtes amerikanisches Frühstück servieren und lausche den Gesprächen der Holzfäller neben mir.

Die steilen Küstenstraßen in Oregon lassen mich manchmal verzweifeln, besonders morgens, wenn die Septemberluft noch kühl ist und der Nebel tief über den Stränden liegt. Dann spukt mir immer wieder das Lied von Janis Joplin „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz…“ im Kopf herum und lenkt mich etwas ab vom schweißtreibenden Aufstieg. Doch der grandiose Ausblick nach der nächsten Kurve lässt mich wieder alles vergessen und die rasende Abfahrt hinunter zur Küste, die mit bizarren Felsformationen verziert ist, verleiht mir Flügel. Im nächsten kleinen Tante-Emma-Laden an der Strecke wärmt mich später der zwar dünne, aber glühend heiße Kaffee und weckt neue Lebensgeister.

Ehrfürchtig setzte ich im weichen Moos der Redwoods einen Fuß vor den anderen. Unter den riesigen Bäumen komme ich mir sehr klein vor und die schräge Morgensonne, die durch die Stämme leuchtet, gibt mir das Gefühl, in einer großen Kirche zu stehen. Kein Mensch da, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte oder der mich ablenkt. Ganz zurück geworfen auf mich selbst und doch so spannend, heraus zu finden, was in mir noch alles zu finden ist. Noch unentdeckt.

Ich sauge alle Eindrücke in mich auf. Lasse mir Zeit. Da ist keiner, der drängelt oder ins nächste Café will. Wenn ich stehen bleiben möchte, um die Aussicht auf die Küste zu genießen, dann bleibe ich einfach stehen. Und nach 20 Metern gleich noch einmal, weil nun ein weiterer, dunkler Fels-Monolith aus dem Meer aufgetaucht ist.

Dem eigenen Rhythmus zu folgen verleiht mir eine eigenartige, innere Ruhe, die mich im Hier und Jetzt leben lässt. Ein Tag nach dem anderen. Was kümmert es mich, ob es morgen regnet oder der Zeltplatz vielleicht schon voll ist. Wenn es soweit ist, wird sich eine Lösung finden.

Ab und zu unterbreche ich meine Zeltnächte in einer Jugendherberge, die am Weg liegt – und bin zu meiner Überraschung auch mal wieder froh über Gleichgesinnte, mit denen man sich am Abend austauschen kann. Bis jetzt hielt ich mich immer für jemanden, der auch ganz gut ohne Gesellschaft auskommt.

Gut vier Wochen nach meinem Start im nebeligen Seattle radle ich über die Golden Gate Bridge nach San Francisco. Vom Meer unter mir ist nichts zu sehen und die roten Brückenpfeiler schweben wie aus dem Nichts über dem dichten, weißem Nebel, der die ganze Bucht ausfüllt. Die 2.250 Kilometer waren nicht nur eine Reise entlang einer der schönsten Küstenlandschaften, sondern auch eine Reise mit mir, auf der ich mich ganz gut angefreundet habe mit den neu entdeckten Seiten an mir. Mein Tagebuch ist mittlerweile randvoll mit den vielen Eindrücken und Erlebnissen der letzten Wochen. Aber auch mit meinen Gedanken, Kommentaren, mit Anfeuerung und Stolz.

Das andere Ufer rückt näher und schon tauchen schemenhaft die ersten Häuser auf. Und obwohl ich in diesem Moment um nichts in der Welt meine zwei Räder gegen einen Mercedes tauschen würde, kommt mir Janis Joplin wieder in den Sinn und dieses Mal kann ich nicht anders und singe das Lied aus vollem Hals: „Oh Lord,….!“

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Sie ist nun schon viele Jahre her, meine erste Solo-Reise. Viele weitere sind gefolgt. Und ich genieße nach wie vor das Gefühl der Freiheit, wenn ich mich am Beginn des Tages auf meinen bepackten Drahtesel schwinge und die Straße in der Morgensonne verheißungsvoll vor mir liegt.

(USA, September 1995)