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„Ich kann ihn schon sehen – gleich habe ich ihn!“ Leicht verrenkt hocke ich hinter einem alten Öltank und schaue angestrengt in den Spalt zwischen Mauer und rostigem Metall: im Schatten ein Rascheln und da taucht auch schon der kleine grau-rötliche Schnabel auf, über dem mich zwei schwarze Augen auf hellem Grund misstrauisch beäugen. Von der anderen Seite höre ich einen motivierenden Ruf an den Kleinen – und schon kommt er auf mich zu. Will natürlich an mir vorbei, aber ich bin schneller und kann ihn von oben packen. Versuche, den spitzen Krallen auszuweichen und den Schnabel außer Reichweite meiner Finger zu halten. Prostest-Geschrei, doch dann wird er schon in dem Stoffsack verstaut, den meine Freundin bereit hält.
Das ist ja schon mal ein guter Start für die heutige Puffling Patrol. Es ist kurz nach 8 Uhr morgens, der Himmel zeigt schon ein paar blaue Flecken, aber die kühle Brise rechtfertigt noch die drei Schichten, die ich unter meinem Regenzeug anhabe.
Wir sind in der Fluke Street, wo sich die Station von Nature Scot befindet, die hier auf der Isle of May für den Naturschutz sorgen. (Wobei der Name „Fluke Street“ eine ziemliche Übertreibung für das kurze befestigte Straßenstück auf der 45 Hektar großen Insel ist.) Bella, eine der Freiwilligen, die den Sommer auf der Station verbringen, erwartet uns schon. Stolz übergeben wir unseren ersten „Fang des Tages“, der sogleich in eine kleine Kiste befördert wird.

Jeden Juli ist „Wanderzeit“ für die kleinen Papageientaucher: d.h. sie sind bereit für das Leben auf dem Meer. Na ja, mehr oder weniger – denn so richtig fliegen können sie noch nicht. Aber immerhin sind sie fast so groß und schwer wie ihre farbenfrohen Eltern und wenn sie glauben, dass es nun Zeit ist, verlassen sie im Schutz der Nacht ihren Erdbau und machen sich auf den Weg zum großen Wasser. Leider schaffen das nicht alle, einige verlaufen sich in den noch verbliebenen Überresten der früheren Besiedlung der Insel oder finden schlicht nicht mehr aus dem Dickicht von hüfthohen Brennnesseln heraus.
Daher gibt es in diesem Monat jeden Morgen die „Puffling Patrol“, um die verirrten Pufflings, wie man die kleinen Papageientaucher auch nennt, einzusammeln und an einem sicheren Ort wieder in die Freiheit zu entlassen. Und wir, als vorübergehende Bewohner der Insel, dürfen dabei sein und mithelfen.
Nachdem jeder noch mit zwei Stoffsäcken ausgerüstet ist, geht es los: durch das dichte Dickicht entlang der alten Steinmauern und durch Felder von Brennnesseln, die sich entlang der Helgoländer Vogelfallen angesiedelt haben.



Neben mir raschelt es und die Brennnesseln bewegen sich. In der Hocke kann ich einen kleinen schwarz-weißen Körper erkennen. Aber der rührt sich nicht, hat es wohl nicht geschafft in der letzten Nacht. Aber gleich daneben schauen mich zwei Knopfaugen ängstlich an – und dann watschelt der kleine Puffling noch tiefer in das dichte Gewirr der Nesseln (die übrigens extrem unangenehm brennen, wenn man mit ihnen in Berührung kommt). Zu dritt versuchen wir von allen Seiten, den Wanderer einzukreisen. Was sich recht schwierig gestaltet, da man von oben fast nicht sieht, wo er sich gerade befindet. Doch dann bemerke ich, wie er seitlich Richtung Steinmauer „ausbrechen“ will und hechte in seine Richtung. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf dem unebenen Untergrund komme ich ins Stolpern und lande rücklings auf meiner Kehrseite. Kurzer Schreckmoment – aber ich habe mich nicht auf den kleinen Flüchtling draufgesetzt: ängstlich kuschelt er sich direkt neben mir an die Mauer. Nachdem ich nun quasi neben ihm sitze, bekomme ich ihn auch leicht zu fassen und kann ihn in den offenen Stoffbeutel befördern, den man mir vor die Nase hält. Allerdings erwischt er mich dieses Mal doch mit den scharfen Krallen und ein blutiges Rinnsal läuft meinen Daumen hinunter. Aber ich freue mich, dass wir den kleinen Taucher erwischt haben, denn in den hohen Brennnesseln hätte er wohl nicht überlebt.



Nach einer Stunde sind wir wieder zurück bei der Station und verstauen die restliche „Beute“ in kleinen Fächern einer Holzkiste. Insgesamt sechs kleine Verirrte haben wir heute eingesammelt.
Zu unserem Glück hat eine der Beringerinnen Zeit: so können wir noch zuschauen, wie den jungen Vögeln ein kleiner Ring als Markierung verpasst wird. Und natürlich werden sie vermessen, gewogen und geprüft, ob sie auch gesund und kräftig genug für den Weg in die Freiheit sind. Denn manchmal können die Brennnesseln den kleinen Füßen ziemlich zusetzen.



Doch bis auf einen sind alle bereit und so folge ich den anderen mit zwei zappelnden Stoffsäcken in der Hand zu den Cornerstone Klippen, wo wir die kleinen Papageientaucher ins Meer „werfen“ werden. Vorsichtig hole ich den nächsten Kandidaten wieder aus seinem Baumwollsäckchen und trete an den Rand der Klippen. Der Lärm um uns herum ist ohrenbetäubend: überall auf den Felsen sitzen brütende Vögel, Dreizehenmöwen begrüßen sich lautstark, Trottellummen streiten mit ihren Nachbarn und immer wieder mischt das tiefe „Rah, rah“ der Tordalks in das Spektakel (das mich immer ein bisschen an das Geräusch beim Ausfahren des Fahrgestells eines Flugzeugs erinnert).




Nur der kleine Taucher in meiner Hand ist ganz ruhig, schaut auf weite Fläche der Nordsee, die sich vor uns erstreckt und heute eine schöne tiefblaue Farbe hat. Er ist wohl unsicher, was ihn jetzt erwartet – und es ist ja auch ein Riesenschritt in seinen nächsten Lebensabschnitt, den er nun vor sich hat. Und natürlich bin ich auch aufgeregt: Wird er es schaffen? Wird er fliegen oder nur ein Stück weiter unten auf den Felsen zwischen den Möwen landen?


In meinen Gedanken gebe ich ihm noch viele gute Wünsche mit auf seinen Weg und rede ihm gut zu, dass er nun tapfer sein muss. Dann hole ich etwas aus und werfe den kleinen Federball in die Luft. Kurz halte ich den Atem an. Aber dann bewegen sich seine Flügel und in einem etwas wackeligen Flug segelt er aufs Meer hinaus. Ich kann noch erkennen, wie er auf dem Wasser landet, dann ist er verschwunden.


(Isle of May, Schottland, Juli 2024)
