Mirabilis

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Aus der Ferne sehen sie aus wie unscheinbare, vertrocknete Zweige. Ein kleiner ungeordneter Haufen, der sich ein paar Zentimeter aus dem Sand erhebt. Einige sind durch kleine Kreise aus Steinen markiert – wohl, damit sie nicht übersehen werden. Denn selbst das kleinste Häufchen hat das stattliche Alter von 400 Jahren. Sicher, wir befinden uns gerade in der ältesten Wüste der Welt, der Namib. Da ist es nicht ganz unerwartet, dass man hier auch Dinge findet, die schon weitaus älter sind als der älteste Mensch auf Erden.

Aber trotzdem: zwei vertrocknete, gelbgrüne Blätter, die mehr tot als lebendig aussehen? Einige sollen sogar über 1.500 Jahre alt sein. Ich gehe in die Hocke, um eines dieser seltsamen Lebewesen genauer zu betrachten: in der Mitte teilt sich ein Blattpaar, von denen sich jedes seinen eigenen Weg über den kargen Wüstenboden zu suchen scheint. Flach, leicht gedreht und gegen Ende schon vertrocknet, teils auch ineinander verschlungen zu einem kleinen Werk abstrakter Kunst. Aus einigen ragen dunkelrote Blütenstände in Zapfenform, die mal schlanker, mal breiter sind: weibliche und männliche Pflanzen.

Welwitschia Mirabilis: ihr Name allein klingt schon geheimnisvoll. Wie kann man mit nur zwei Blättern mehrere Hundert Jahre in dieser unwirtlichen Gegend überleben? Kein Wasser weit und breit. Das Einzige, was hier sonst zu wachsen scheint, sind Steine, oft wundersame, fremde Formen und Farben aus einer anderen Welt. Was mag dieser kleine Pflanzenberg vor mir schon alles gesehen und erlebt haben? Wie viele Sandstürme und Trockenperioden? Und wie viele Touristen in den letzten 50 Jahren, die staunend oder verwundert auf sie herabschauten?

Ich stehe inmitten einer kleinen Kolonie dieser faszinierenden Pflanzen: man findet fast alle Größen, von knapp Handteller-groß bis hin zu über einem Meter Durchmesser. Es entsteht der Eindruck, dass mit dem Alter auch die Unordnung zunimmt: zuerst sieht man nur zwei längliche Blätter, die sich brav nach rechts und links strecken. Mit den Jahren scheinen sie immer wieder die Richtung zu ändern, auf der Suche nach einem vielleicht etwas bequemeren Plätzchen. Über- und untereinander verschlungen, die Blüten erheben sich aus dem vertrockneten Laub der Vorjahre. Chaotisch, aber zugleich majestätisch in ihrer Ruhe und Gelassenheit.

Ein bisschen meine ich, von ihrer Weisheit zu spüren. Denn wer schon so lange gelassen dem Geschehen auf der Erde zuschaut, der muss auch weise geworden sein…

(Namibia, Dezember 2020)

Am Vogel-Pool

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Am Fensterrahmen vor mir wandern ein paar träge Ameisen entlang. Im Wasser machen die Wespen den Wasserläufern das kühle Nass streitig. Ein Schweißtropfen sucht sich den Weg über meinen Bauch und verschwindet dann im schon durchgeschwitzten Hosenbund.

Am Ende des kleinen Pools vor uns landet eine Amsel, streckt vorsichtig den Fuss ins Wasser, bevor sie mit ausgebreiteten Flügeln fast komplett untertaucht. Kurz verharrt sie mit leicht geöffnetem Schnabel, dann startet der Badespaß: immer wieder verschwindet zuerst der Kopf im Wasser, dann schlägt sie kurz mit den Flügeln, dass die Wassertropfen nur so spritzen. Fliegt kurz auf den Ast daneben, schüttelt sich, kurzer Blick in die Runde, bevor sie sich erneut ins Bad stürzt und mit sichtlichem Vergnügen herum plantscht. Ich beneide sie schon ein bisschen um ihre Abkühlung, während es in der kleinen Hütte wohl schon an die 40 Grad hat.

Ein Grünfink kommt vorbei und bleibt kurz mit flatternden Flügeln vor unserer Scheibe stehen. Wundert sich wohl, was für komische Gestalten da in brütender Hitze regungslos verharren. Aber lange hält ihn die Neugier nicht. Schon ist er wieder verschwunden und man hört nur das Geräusch der Federn, die durch die Luft schwirren.

Nichts tut sich. Die heiße Luft flimmert über dem dunklen Wasser. Langsam frage ich mich, auf was für ein komisches Abenteuer ich mich da eingelassen habe…

Plötzlich huscht etwas Schwarz-Weißes von links ins Bild. Gleichzeitig ertönt neben mir ein Geräusch wie von einem Maschinengewehr. Aber es fliegen keine Federn durch die Luft, obwohl ich mir sicher bin, dass Roman neben mir sein Ziel getroffen hat. Der Wiedehopf verschwindet unbeschädigt im Astloch vor uns. Roman schaut mich über das Objektiv seiner Kamera an und hebt den Daumen. Nun sollte ich vielleicht auch mal meine Kamera in die richtige Position bringen, um den Abflug aus der Höhle nicht zu verpassen. Checken, ob die Einstellungen stimmen, auf das Loch im Baumstamm scharf stellen und mit dem Finger am Auslöser warten. Als der lange gebogene Schnabel zu sehen ist, bin ich schon kurz davor, abzudrücken. Aber er verschwindet gleich wieder. Unsere Geduld wird auf die Probe gestellt: Großreinemachen ist angesagt. Immer wieder werden kleine Grasbüschel aus dem Loch nach draußen befördert. Schließlich kommt dann doch der Kopf wieder zum Vorschein und Mama Wiedehopf startet unter erneutem Kamera-Gewitter zum nächsten Versorgungsflug.

Es wird wieder ruhig. Ein Spatz flattert vorbei, trinkt vom Pool und schaut dann neugierig in die Bruthöhle. Scheint nicht sehr spannend zu sein. Von rechts erscheint ein Smaragdeidechsen Pärchen. Ihr leuchtendes Blau und Grün spiegelt sich im Wasser.

Zwei Grünfinken landen am Pool-Ufer und genehmigen sich ein paar Schluck Wasser. Auch ein Neuntöter wagt sich heran und setzt sich auf einem nahen Ast wunderschön in Pose.

Dann tut sich was in der Wiedehopf-Wohnung: ein kleiner, weiß eingerahmter Schnabel erscheint und gleich darauf der Kopf mit einer orangen Andeutung der Federhaube. Offensichtlich kann es der Spross gar nicht mehr erwarten, bis es Nachschub gibt. Wie ein kleiner Clown sieht er aus, wie er sehnsüchtig in die Ferne blickt.

Roman gibt mit ein Zeichen: links im Baum sitzt schon ein Elternvogel, bereit für den nächsten Anflug. Kamera bereit machen, die Spannung steigt. Mit aufgestellter Federhaube kommt er auf den Nachwuchs zu, der schon erwartungsvoll den kleinen Schnabel aufsperrt. Wunderschön sind die schwarz-weiß gestreiften Flügel zu sehen, als er vor dem Baumloch abbremst. Und schon verschwindet das nächste große Insekt im Kinderschnabel. Gleich darauf ist der prachtvolle Vogel auch wieder zwischen den Bäumen verschwunden.

Nach dem Klicken der Kameras ist es nun wieder still. Ich werfe einen Blick auf meine Bilder: sieht ganz gut aus, das Schwitzen hat sich gelohnt 🙂

(Ungarn, Juli 20219)

Nepal Selfie

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Es ist später Nachmittag, die Sonne senkt sich Richtung Horizont und man spürt schon die Kühle der Nacht, die bald aus ihren Verstecken kriechen wird. Die Hauptstraße der Stadt ist eine einzige Baustelle und jedes Fahrzeug, das an mir vorbeirauscht, hüllt mich in eine Staubwolke.

Lumbini ist Pilgerzentrum und UNESCO Weltkulturerbe. Den Großteil des Nachmittags haben wir in dem riesigen Park mit seinen Tempeln und Pagoden verbracht. Viele Gläubige waren zur Geburtsstätte Siddhartas, dem Begründer des Buddhismus, unterwegs. Überall kleine Grüppchen von Betenden, oft in Begleitung eines Mönches in rotem Gewand. Der Geruch von Räucherstäbchen in der Luft. Gesang und leises Gemurmel. Dazwischen Scharen von Touristen, die mehr oder minder ehrfürchtig durch die Anlage spazierten und Fotos machten.

Unser Hotel für heute ist ein riesiger, gesichtsloser Bau, dessen kühle Architektur sich auch in der Zimmertemperatur widerspiegelt, direkt an der Hauptstraße gelegen. Auf der Suche nach etwas Ruhe und vielleicht auch nach dem wirklichen Nepal, habe ich die große Gartenanlage mit dem Pool hinter mir gelassen und spaziere nun an der staubigen Baustelle entlang. Biege in ein paar Nebenstraßen, die von kleinen Häuschen gesäumt sind, aus denen Rauch aufsteigt. Kinder spielen auf der Straße und beäugen mich neugierig. Ein paar magere Kühe liegen wiederkäuend am Straßenrand. Direkt gegenüber die hohe Mauer unseres Hotels.

Ich biege wieder in die Hauptstraße ein, als plötzlich ein Moped mit zwei jungen Männern neben mir hält. Irritiert will ich schon weitergehen, doch sie steigen ab und kommen auf mich zu. Ich schaue mich um, ob vielleicht sonst noch jemand in der Nähe ist. Doch nein, sie wollen zu mir. Zücken ihr Handy und geben mir zu verstehen, dass sie gerne ein Selfie mit mir machen würden. Irgendwie bin ich immer noch unsicher, was sie wirklich von mir wollen. Ich bin weder blond, noch jung und überrage zudem die beiden um eine Kopfgröße. Doch das stört sie nicht. Lachend nehmen sie mich in ihre Mitte, machen ihre Bilder und haben wohl den größten Spaß dabei. Bedanken sich fröhlich und sind auch schon wieder in einer Staubwolke verschwunden.

Nachdenklich gehe ich weiter Richtung Hotel, nach wie vor überrascht und etwas perplex über dieses Erlebnis. Erst später erfahre ich, dass es wohl gerade meine Körpergröße ist, die den beiden ein Selfie wert war. Große Frauen, dazu noch Europäerinnen, dürften wohl nicht zum Alltag in Nepal gehören.

(Nepal, Januar 2020)

Hausbau

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Schon am zweiten Tag sind sie mir aufgefallen: ihr lautes Zwitschern, das aus dem Baum kam, das Flattern von kleinen Flügeln zwischen den Blättern. Gelbe Federbällchen mit schwarzem Kopf, in dem wache, rote Augen sitzen: Maskenweber. Aufgeregt hüpfen sie auf den Zweigen auf und ab, breiten ihre Flügel aus, machen sich groß: „Hier bin ich! Hier bin ich! Schau, was ich Schönes für dich gebaut habe!“

Kurzer Blick in die Runde: ist sie noch da, die Angebetete? Schenkt sie ihm Aufmerksamkeit oder straft sie ihn mit Ignoranz? Vielleicht ist das neue Heim noch nicht perfekt genug? Dort an der unteren Ecke, dort könnte man noch frisches Grün einflechten.

Und schon macht er sich auf die Suche zur nächsten Palme, zupft kräftig am Rand eines Blattes und trennt fachkundig einen langen, dünnen Streifen ab. Unter waghalsigen Verrenkungen wird das neue Material am Haus angebracht. Routiniert der grüne Halm mit den bestehenden verflochten.

Jetzt muss es aber passen. Flügelschlagen, auf und ab hüpfen, lautes Rufen. Da, sie schaut ganz zufällig zu ihm hinüber! Er rückt ein Stück näher, flattert zwischen ihr und dem neuen Häuschen hin und her: „Magst du es nicht testen? Extra für dich erbaut. Groß und geräumig für dich und unseren Nachwuchs.“

Und wirklich, sie kommt näher, beäugt skeptisch sein Kunstwerk. Schlüpft zur Probe hinein und macht es sich bequem. Aufgeregt zitternd sitzt er daneben und schaut zu. Hofft, dass es dieses Mal ihren hohen Ansprüchen genügt. Sie dreht den Kopf, zupft mal hier, mal da. Prüft die Stabilität. Ist der Eingang auch an der richtigen Stelle? Bietet das Nest genug Schutz vor Schlangen? Hat er auch wirklich alle Blätter vom Ast entfernt? Ist das Haus des Nachbarn vielleicht schöner?

Da! Sie schüttelt unwillig den Kopf und beginnt, mit dem Schnabel sein Werk zu zerfleddern.

Der kleine Baumeister sackt in sich zusammen. Wieder nichts! Schon der dritte Versuch und noch immer ist die Auserwählte nicht zufrieden mit seinen Bemühungen. Fünf Tage Arbeit umsonst. Dabei war er sich sicher, dass es dieses Mal klappt.

Aber schon ist er auf der Suche nach einer neuen, geeigneten Stelle. Vielleicht der Ast dort drüben? Der liegt schön im Schatten und hoch genug. Vielleicht kann er ja etwas von dem alten Baumaterial wiederverwerten? Wenigstens die grünen Teile? In Windeseile hat er die Basis für das nächste Heim geschaffen. Dieses Mal muss es passen…

(Namibia, Dezember 2020)

Virus trifft auf Tradition

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Der Weg führt über heißen Sand, rechts und links ein paar ausgedörrte Bäume. Plastik und Papier liegen herum und werden vom noch schwachen Wind weitergetragen. Hinter einem Dornbusch schauen ein paar Kinder neugierig zu uns herüber. Verschwinden aber gleich als ich ihnen zuwinke. Die ersten runden Hütten mit Strohdächern tauchen vor uns auf. Einige Frauen in Lendenschurz sitzen davor. Prachtvolle Ketten schmücken ihre Hälse.

Eine von ihnen kommt uns entgegen, als sie uns entdeckt. Der blaue Mund-Nasen-Schutz baumelt irgendwo zwischen Nase und Hals. Im kargen Schatten eines Baumes erklärt sie uns in ihrer Sprache die Bedeutung des Schmucks und ihrer Haartracht. Unser Guide übersetzt ins Englische. Halsketten und ein Stück Leder in den sorgfältig aus Lehm geformten Zöpfen geben Auskunft über Heirat und Kinder. Während sie die Maske kurz über die Nase zieht, erklärt sie, dass die vielen Reifen um die Fußgelenke nicht nur Zierde sind, sondern auch ein Schutz gegen Schlangen.

Weitere Frauen stellen sich vor uns auf, um die unterschiedlichen Varianten von Körperschmuck zu illustrieren. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf die wohlgeformten, nackten Brüste der Mädchen starre. Wunderschön sind sie anzuschauen mit ihren Ketten und dem Haarschmuck. Nachdenkliche und ernste Gesichter. Ab und zu ein Lächeln. Auch sie tragen Masken.

Wir sind ein paar der wenigen Touristen, die in den letzten Monaten ihr Dorf besucht haben. Denn schon fast ein Jahr wird die Welt von einem kleinen Virus in Schach gehalten. Und der macht auch nicht vor den letzten Naturvölkern Namibias Halt. Alleine das Ausbleiben der Touristen nimmt ihnen ihre Existenzgrundlage – sind sie doch in diesem Dorf die einzige Einkommensquelle. Der Rindergral ist leer. Sonst ein Zeichen von Reichtum bei den Himba.

Sie fragen, wie es denn aussieht mit dem Virus. Ist es noch da? Gibt es schon eine Impfung? Doch wann wird diese auch bei den Ärmsten in Afrika ankommen?

Wie muss man sich fühlen, wenn man halbnackt vor schwitzenden Touristen steht? Die die Kamera zücken und oft unverhohlen auf die Blößen starren? In der Hoffnung, dass sie etwas kaufen oder eine Spende dalassen?

Zum Abschluss stehen sie alle im Halbkreis und tanzen und singen für uns. Vor ihnen steht eine kleine Schale, in die wir Geldscheine legen. Es soll fröhlich klingen, hinter den Masken versucht hie und da ein Lächeln zu entwischen. Aber es gelingt nicht, die Melancholie zu vertreiben, die über dem Ganzen liegt.

Singende und tanzende Himba

(Namibia, Dezember 2020)