Auf Rhinos Spuren…

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Ich folge der kleinen Kolonne von Kapuzenmännern durch den verwachsenen Regenwald. Trotz der dichten Blätter über mir kann ich die Regentropfen spüren, die auf meinem Kopf landen. Bird-Watching Tour… Im Regen… Wie erwartet lassen sich so gut wie keine Vögel blicken. Was ich auch verstehen kann. Ich würde mich bei dem feuchten Wetter auch lieber an einem warmen, trockenen Platz verkriechen. Aber heute ist unser einziger Tag im Chitwan Nationalpark. Da will ich alle Chancen auf etwas Wildlife nützen – auch wenn das heißt, mit mehreren Schichten von Pullovern unter meiner Cortex-Jacke durch den Regen zu laufen.

Plötzlich stockt die Kolonne, und einer der Guides deutet ganz aufgeregt in das grüne Blättergewirr vor uns. Angestrengt schaue ich noch vorne und erkenne schließlich die kleinen Ohren und den dazugehörigen Kopf, rechts davon den schwarzen massigen Körper, fast versteckt hinter den Büschen. Ein Panzernashorn. Vielleicht 15 Meter vor uns. Anscheinend hat es uns noch nicht bemerkt, denn es knabbert noch genüsslich an den grünen Zweigen vor ihm. Neben mir bricht Hektik aus und man kann aufgeregtes Flüstern hören. Jeder möchte natürlich ein Foto schießen, was aber vor lauter Bäumen gar nicht so einfach ist. Dann ein kurzes Krachen und Knacken, und das Nashorn ist verschwunden.

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Gute 600 soll es von ihnen noch in diesem Nationalpark geben. Einer der letzten Zufluchtsorte für diese massigen Tiere, von denen es geschätzt weltweit nur noch knapp 3.000 gibt. Dass sie hier weitgehend ungestört leben können, ist nicht zuletzt dem nepalesischen Militär zu verdanken, das hier mehr als 40 Stützpunkte hat, um Wilderer abzuschrecken. Das einzige Horn des urzeitlichen Tieres, dessen faltige Haut den Anschein eines Panzers erweckt, ist in der Chinesischen Medizin immer noch heiß begehrt und kann um hohe Summen verkauft werden.

092bea7b86bf289f3fa94561a9b502cc10f4fb11565df82ece3f85fa7eaec0b2Wir wandern weiter im Zickzack auf verschlungenen Pfaden durch den dichten Wald. Langsam werden auch meine Zehen feucht, meine Kamera ist schon ziemlich beleidigt ob des feuchten Klimas. Mittlerweile habe ich jegliche Orientierung verloren. Wenn unsere Guides uns hier aussetzen würden, hätte ich keine Ahnung, wie ich wieder zum Fluss kommen würde, über den wir von unserer Lodge in den Park übergesetzt haben.

Endlich lichtet sich der Wald und wir stehen vor einem kleinen Bach, der sich seinen Weg über den lehmigen Boden Richtung Fluss bahnt. Kurze Aufregung, weil einer der Guides glaubt, noch ein Rhinozeros im dichten Gras zu erkennen. Das entpuppt sich dann aber als Baumstamm… (auch ein Guide kann sich mal irren).

Wir stolpern die Böschung hinunter und stehen im mannshohen Elefantengras, das den flachen Uferbereich des Flusses bedeckt. Während wir uns den Weg zwischen den dichten Grasbüscheln suchen, frage ich mich, wie unsere Guides in diesem Terrain wissen, wo sich ein Nashorn aufhält. Sie sind nur mit Stöcken und Steinen bewaffnet – nicht viel Schutz gegen einen Drei-Tonnen-Koloss, der sich in Bewegung setzt. Angeblich ist einer von ihnen ein guter Spurenleser und kann die gepanzerten Tiere sogar riechen…

Ganz in Gedanken versunken, die Augen auf den unebenen Boden gerichtet, werde ich fast von den vorderen in der Gruppe überrannt, die auf einmal in die andere Richtung los stürmen. Der erste stolpert, und schon liegen drei Menschen in einem Knäuel am Boden. Verdutzt schaue ich nach vorne. Kann nichts Aufregendes erkennen, sehe nur die fragenden Blicke der übrigen Gruppenmitglieder. Doch dann bewegt sich etwas Großes, Graues hinter den Gräsern. Knappe fünf Meter vor uns. Die kleinen Ohren schauen in unsere Richtung. Nun tauchen auch die Guides auf und deuten uns, langsam rückwärts zu gehen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schritt für Schritt, vorsichtig, damit ich nicht in einem der Löcher hängen bleibe und auch am Boden lande. Die anderen haben sich mittlerweile auch wieder aufgerappelt und wir treten alle den Rückzug an. Zwei, drei Steine fliegen noch – aber die machen nicht sehr viel Eindruck. Aber so wirklich spannend scheinen wir auch nicht zu sein, denn die kleinen Ohren bleiben immer am gleichen Platz, scheinen uns also nicht zu verfolgen.

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Als wir wieder am Fluss sind und in den schwankenden Einbaum steigen, der uns wieder ans andere Ufer bringt, habe ich immer noch ein bisschen Herzklopfen. Blicke gespannt auf die undurchsichtige Wand aus Gras… Alles ruhig, keine Ohren zu erkennen.

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Am nächsten Morgen stehe ich schon vor Sonnenaufgang auf der Aussichtsterrasse der Lodge. Ich beobachte eines der Nashörner, das sich schmatzend durch die Wiese am Fluss bewegt. Meine Fotos werden zwar etwas unscharf im Licht der Dämmerung und auf diese Entfernung – aber dafür ist mir der große Abstand um einiges lieber.

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(Nepal, Januar 2020)

Wildwechsel

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Fast 6.000 wilde Elefanten gibt es in Sri Lanka – für eine Fläche, die kleiner als Bayern ist, eine ganze Menge. Dagegen erscheint einem die Zahl der zahmen Arbeitselefanten mit 150 verschwindend gering. Damit hat die kleine Insel im Süden Indiens laut Schätzungen die höchste Elefanten-Dichte in ganz Asien. Und doch steht der Asiatische Elefant auf der roten Liste gefährdeter Tierarten. Sein Lebensraum verkleinert sich stetig und Konflikte zwischen den grauen Riesen und der lokalen Bevölkerung steigen. 150 bis 200 von ihnen werden jährlich getötet, weil sie den Menschen zu nahe kommen.

Obwohl sich die meisten Populationen auf die Nationalparks beschränken, soll man sie auch immer wieder außerhalb der Parks entlang der Straße antreffen. Aber uns hat sich noch kein Exemplar gezeigt, obwohl wir nun schon gut eine Woche auf der grünen Insel unterwegs sind. Irgendwie kann ich mir auch gar nicht so richtig vorstellen, dass so ein imposantes Tier einfach so durch die Gegend marschiert – so wie bei uns Hirsche oder Rehe. Aber die kleinen, mit Palmenblättern gedeckten Baumhütten inmitten der Felder zeugen davon, dass hier ab und zu einer der Dickhäuter vorbeischaut: sie dienen den Bauern als Hochsitze, um die hungrigen Gäste zu vertreiben. Und manchmal ist so eine Hütte auch letzter Zufluchtsort vor einem wütenden Bullen. Bei solchen Zusammenstößen kommen laut Statistik pro Jahr etwa rund 50 Menschen ums Leben.

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Am Nachmittag führt unsere Route zwischen zwei Nationalparks hindurch. Gute Chancen eigentlich, einen Ceylon-Elefant – den größten der drei asiatischen Unterarten – anzutreffen. Aber wie angestrengt ich auch in die Büsche rechts und links starre, kein Rüssel weit und breit zu erblicken. Langsam dämmert es, das Gestrüpp am Straßenrand ist nur noch vage zu erkennen. Dann ein Ruf aus den vorderen Reihen im Bus und wir bremsen ab. Und wirklich, direkt vor uns steht ein Elefant am Rand der Straße. Sehr entspannt sieht er aus, lässt sich vom vorbeiflitzenden Verkehr nicht stören, angelt sich ein paar Blätter aus dem nächsten Baum. Langsam rollt unser Bus vorbei und bleibt dann stehen.

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Nun habe ich durch das Rückfenster klare Sicht auf den ungewöhnlichen Fußgänger. Etwas unwirklich erscheint er im noch vorhandenen Tageslicht. Schemenhaft zeichnen sich seine Umrisse gegen den Abendhimmel ab. Beeindruckend und etwas furchteinflößend. Ich kann die Warnungen verstehen, dass man keinesfalls sein Auto verlassen sollte, wenn man auf einen von ihnen trifft. Schwach kann man noch das hell-rosa Muster auf seiner Stirn erkennen, das bei jedem Tier einzigartig ist.

Gerade wendet er sich der Straße zu, als würde er kurz nachdenken, ob sich eine Überquerung auch lohnt. Dann schlendert er gemächlich Richtung Mittelstreifen. Ein Tuk-Tuk kann gerade noch ausweichen und ich kann den erschreckten Schrei des Lenkers durch die Busfenster hindurch hören. Unbeeindruckt setzt der Dickhäuter seinen Weg auf die andere Seite fort. Dreht sich dort noch einmal um und schaut in unsere Richtung. Tänzelt kurz von einem Bein auf das andere und wiegt seinen Kopf hin und her, als wollte er sagen: „Tse, tse, immer diese Touristen!“. Bevor seine dunkle Gestalt wieder zwischen den Bäumen verschwindet.

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(Sri Lanka, November 2019)

Mädchenreise

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Primär sind es Touristen, die auf dem kleinen Bahnhof die Holzbänke im „Tourist Comfort Center“ bevölkern. Eigentlich hätte das „Kleine Mädchen“ (Podi Menike), wie der Zug genannt wird, schon vor gut 30 Minuten in die Station von Pattipola einfahren sollen. In Anbetracht der Fußgänger, die immer wieder gemütlich den Schienen entlang schlendern, hatte ich eh nicht mit einem pünktlichen Erscheinen der Dame gerechnet.  Obwohl der „Podi Menike“ als Expresszug geführt wird, scheint man es doch nicht so eilig zu haben. Ich vertreibe mir die Zeit mit dem Bestaunen der Apparaturen aus einer anderen Zeit, die aber noch funktionstüchtig zu sein scheinen. Denn gerade macht sich der Bahnhofswärter an den Hebeln zu schaffen. Nun treffen auch ein paar Einheimische am Bahnsteig ein – wohl Zeichen dafür, dass sich in nächster Zeit doch etwas tun wird.

Dann biegt die kleine, blaue Diesellok um die Ecke und die Kameras werden gezückt, um die Reise vom höchst gelegenen Bahnhof in Sri Lanka zu dokumentieren. 1.891 Meter über dem Meeresspiegel befinden wir uns,mitten im grünen Hochland, dem Herz der Insel. Das mag auch zum Teil erklären, warum dieser Abschnitt der Zugstrecke bei Touristen so populär ist.

Ein bisschen hatte ich ja das britische Flair vergangener Zeiten erwartet, aber die in China hergestellten Waggons sind spartanisch ausgestattet und versprühen eher den Charme der Siebziger Jahre. Immerhin gibt es in der zweiten Klasse gepolsterte Sitze und Ventilatoren an der Decke. Aber nachdem alle Fenster im Wagon hochgeschoben sind, geht der Windhauch der kleinen Propeller im allgemeinen Durchzug unter.

Es dauert eine Zeitlang, bis wir mithilfe des Schaffners und unseres Guides die uns zugewiesenen Plätze gefunden haben. Die beiden Waggons mit vorreservierten Sitzen sind nur mit Touristen besetzt und da die Verbindungstüren zu den anderen Wagen versperrt sind, wird es wohl nix mit dem engen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, den einige Reiseführer versprechen. Bis auf einen fliegenden Händler, der auf seinem Gang durch den Zug Kaffee und Tee (in der gleichen Kanne!) verkauft, wechsele ich auf der Fahrt kein Wort mit einem Singhalesen.

Aber das ist auch nicht der Grund für unsere Zugreise: es geht um die Landschaft und die spektakuläre Aussicht, die man auf der Fahrt durch das grüne Hochland hat. Und eigentlich brauche ich meinen reservierten Sitzplatz auch gar nicht, denn ich habe einen Platz an der offenen Zugtür ergattert, genieße den freien Blick und den Fahrtwind.P1130579.jpg

So waghalsig wie einige Touristen, die ihre Füße über dem Abgrund baumeln lassen oder sich für Selfies komplett aus der Tür raushängen, bin ich allerdings nicht.

Aber ab und zu strecke ich schon vorsichtig den Kopf um die Ecke und erhasche einen Blick auf die Schlange an blauen Waggons und die Diesellock, die die nächste Kurve in Angriff nimmt.

Am Horizont erheben sich die grünen Bergketten der Horton Plains, aus kleinen Holzhütten steigt Rauch auf und Dörfer fliegen vorbei. Teeplantagen schmücken die vorbeiziehenden Hügel mit ihren perfekten runden Sträuchern. Der nächste Tunnel (Kopf einziehen!), dann geht es direkt neben mir steil in die Tiefe, ein kleiner Wasserfall entspringt unter den Schienen. Eine Steinbrücke gibt den Blick auf ein grünes Tal frei. Alles untermalt vom gleichmäßigen Rumpeln des „Kleinen Mädchens“, das nur bei den kurzen Stopps in den Stationen verstummt. Am nächsten Bahnhof kriecht dichter Nebel über das hintere Ende des Zuges und verleiht der Bergkulisse etwas Unwirkliches.

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Ab und zu gebe ich meinen Platz an der Tür frei, damit einer der Mitreisenden in den Genuss der freien Sicht kommt. Das junge spanische Pärchen muss noch ein Selfie mit fliegenden Haaren und der Aussicht im Hintergrund machen.  Die ältere Engländerin hinter mir dagegen ist noch zaghafter als ich und macht nur ein paar Fotos mit ihrem Tablett – mit respektvollem Abstand zur offenen Tür. Dann habe ich den Platz im warmen Fahrtwind wieder für mich allein.

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Viel zu schnell ist die Reise vorbei, und als ich über die steile Treppe aussteige und wieder festen Boden unter den Füßen habe, brauche ich einen kurzen Moment, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Hinter mir setzt sich der Zug in Bewegung, der Schaffner in seiner schmucken Uniform wirft uns noch einen strengen Blick zu, bevor das „Kleine Mädchen“ wieder hinter der nächsten Biegung verschwunden ist.

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(Sri Lanka, November 2019)

Auf den Stufen der Pilger

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Ich bleibe stehen, weil mich irgendwas an meinem Schienbein zwickt. Ziehe das Hosenbein hoch und entdecke im Schein der Stirnlampe einen Blutegel, der wohl gerade zu einem frühen Snack ansetzen will. Gerade noch erwischt. Mit etwas Zug lässt sich der schwarze Wurm noch von meiner Haut lösen.

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Der Schweiß hat mittlerweile Unterhemd und T-Shirt durchnässt und ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Flüssigkeit man in so kurzer Zeit produzieren kann. Ich schalte meine Lampe aus und lasse die Umgebung auf mich wirken. Rundherum Dunkelheit, am Himmel ein paar Sterne und der schwache Schein des Mondes. Von den dicken Regenwolken vom Vorabend, hinter denen sich unser heutiges Ziel versteckte, ist nichts mehr zu sehen. Kurz nach 2 Uhr nachts sind wir zum heiligsten Berg der Singhalesen aufgebrochen: dem Sri Padaya. Oder auch Adam’s Peak, wie er von den Portugiesen getauft wurde.

Mittlerweile hat sich die Gruppe zerstreut, jeder kämpft alleine mit sich und den über 5.000 Stufen, die zum Gipfel führen. Still ist es, nur mein Atem ist zu hören. Ein paar Bäume und Büsche lassen sich schemenhaft in der Dunkelheit erahnen. Ab und zu leuchten die hellen Punkte von Stirnlampen über mir.

Vielleicht ist es ganz gut, dass man nicht sieht, wie viele der unregelmäßigen, steilen Stufen noch zu erklimmen sind.

Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, konzentriere mich darauf, den Fuss auf die nächste Stufe zu setzen. Ein junges Pärchen zieht mit schnellem Schritt zum dritten Mal an mir vorbei – nur um 10 Minuten später wieder schwer atmend am Rand zu stehen und von mir überholt zu werden. Langsam wird die Luft kühler und die Treppe windet sich in immer schmäleren Kurven den Berg hinauf. Ich muss Ästen ausweichen, die tief über dem Weg hängen. Nicht auszudenken, was sich hier abspielt, wenn in zwei Wochen mit Beginn der Pilgerzeit zum Vollmond mehrere Tausend Menschen gleichzeitig hier hoch wollen.

Der Geruch von frischem Brot weht mir entgegen. Und tatsächlich hat eine der kleinen Hütten entlang des Weges schon geöffnet und lockt mit heißem Tee und Roti, köstlichem Fladenbrot. Kurz bleibe ich stehen, erfreue mich am Lichtschein und der Wärme, den die Bretterbude ausstrahlt. Dann widerstehe ich der Versuchung und steige langsam hinauf über die Stufen. Weit kann es nun nicht mehr sein.

Und wirklich, nach gut 15 Minuten stehe ich vor einer Mauer mit ein paar Stufen, auf denen schon ein paar müde Touristen sitzen. Es ist kurz nach 5 Uhr, noch keine Sonne zu erblicken und es bläst ein unfreundlicher Wind hier oben auf über 2.000 Metern. Hinter der Mauer liegt der kleine Tempel, der angeblich einen Fußabdruck Buddhas beherbergt. Das Ziel der Gläubigen, die alljährlich von Dezember bis Mai die Strapazen der 5.000 Stufen auf sich nehmen.

Doch heute ist das Tor zu, und die Aussicht auf die umliegenden Hügel wird durch ein hässliches Betongebäude verstellt. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Immerhin gibt es zum Aufwärmen einen Schluck Rum aus der mitgebrachten Plastikflasche.

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Als sich am Horizont die ersten orangen Streifen zwischen den Wolken zeigen, steigen wir wieder ein Stück über die Treppen hinab. Und nun offenbart sich die umliegende Landschaft vor uns in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Kleine und größere grüne Hügel strecken ihre Spitzen aus den Nebelschwaden im Tal. Ein See glitzert in der Ferne und der Wasserfall auf der gegenüberliegenden Felswand wird langsam in frisches Sonnenlicht getaucht. Die Stufen, malerisch eingerahmt vom roten Geländer, tauchen aus der Dämmerung auf, nur um weiter unten wieder im Nebel zu verschwinden.

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Der Abstieg fordert weniger Atem, dafür aber umso mehr Beinmuskulatur, die sich in den nächsten Tagen beleidigt zeigen wird. Ein Schmuckbülbül macht seinem Namen alle Ehre und stellt sein gelbes Gefieder in der noch tief stehenden Sonne zur Schau. Nach drei Stunden abwärts über die Steinstufen gehen wir mit weichen Knien und brennenden Oberschenkeln das letzte Stück durch die noch geschlossenen und leeren Verkaufsstände. In ein paar Wochen werden hier wieder Opfergaben und Verpflegung für die zahlreichen Pilger angeboten. Die Sonne schickt wieder unbarmherzig ihre Strahlen zu uns. Ein paar Affen brettern geräuschvoll über die Blechdächer der Buden.

Als ich noch mal zurückschaue, erblicke ich nun endlich auch den markanten Berg mit dem kleinen Tempel auf seiner Spitze, der sich steil in den Himmel reckt und schon wieder so weit weg erscheint. Ein paar meiner Sünden habe ich heute Nacht auf ihm auch abgebüßt 😉

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(Sri Lanka, November 2019)

 

Schmetterlingsdorf

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Schmetterlinge, überall. Wie kleine, weiße Schneeflocken tanzen sie vor uns durch die Luft. Sitzen in Scharen am Straßenrand, kleine Meere aus sich bewegenden schwarz-weißen Flügeln. Man muss aufpassen, dass man nicht auf sie drauftritt.

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Wir sind auf der Suche nach einem After-Dinner Bier. In unserem Guesthouse findet heute eine Hochzeit statt und gerade ist das Brautpaar eingetroffen: die junge Braut sehr hübsch im schulterfreien, weißen Kleid, der Bräutigam in dunkler Hose und weißem Hemd. Der Eingang des großen Zeltes ist von abgeschnittenen Birkenzweigen eingerahmt. Drinnen reiht sich Tisch an Tisch, schon gut gefüllt mit den Gästen. Nachdem unsere Gastgeber alle Hände voll zu tun hatten, wollten wir als Touristen nicht weiter stören und haben uns verdrückt.

Das von uns angesteuerte Café am Fluss hat leider schon geschlossen und wir schlendern durch die Schmetterlinge zurück. Gegenüber unserer Unterkunft gibt es ein kleines Häuschen mit Veranda, in dem man anscheinend auch Bier erwerben kann. Von oben winken uns ein paar Einheimische hinauf. Und gleich darauf schließt der Bruder der Braut kurz die Tür auf, um uns aus dem Kühlschrank ein paar Biere zu verkaufen. Dann verschwindet er wieder in Richtung Hochzeit.

Die drei Georgier wollen uns ihre Sessel anbieten, doch wir fühlen uns ganz wohl, so ans Verandageländer gelehnt. Jemand bringt von drüben einen Teller mit Eintopf und dem obligatorischen Fladenbrot. Wir werden aufgefordert, uns auch zu bedienen. Gar nicht so einfach, mit einem Stück Brot etwas Eintopf vom Teller in den Mund zu befördern, ohne die Hälfte unterwegs zu verlieren.

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Wir trinken unser Bier, tratschen etwas über den heutigen Tag, während die anderen auf Georgisch ein paar Sätze austauschen. Dann steht eine kleine Cola-Plastikflasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit neben dem Teller mit dem Eintopf auf dem Tisch. Wir fangen an zu rätseln, was die Flasche wohl enthält – Wasser wird es wohl nicht sein.  Der Besitzer der Flasche schaut mich an und fragt: „Cha-Cha?“ – so wird der lokale Schnaps genannt, der meistens aus Trauben gebrannt wird. Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, diese Spezialität zu probieren.

„Cha-Cha! Yes, please!“
ist also meine Antwort – und damit scheint das Eis gebrochen.

Ich bekomme ein Glas mit dem Getränk aus der Cola-Flasche gereicht – und bin überrascht wie mild und fruchtig der Hochprozentige schmeckt. Die Männerrunde hat wohl ihre Freude, dass ihr Getränk so gut Anklang findet, und natürlich geht das Glas weiter an meine Mitreisendenden. Und landet kurz darauf wieder bei mir: „Gagimardschos!“ – „Prost“. Eines der wenigen georgischen Wörter, die ich mir gemerkt habe. Ich stelle das leere Glas wieder auf den Tisch – und es wird sogleich wieder aufgefüllt. Lektion Nr. 2: immer einen Rest im Glas lassen, sonst kommt es gut gefüllt wieder zu mir zurück.

Der Cha-Cha Spender erklärt im gebrochenen Englisch, dass ihm der Wehrturm gehört, der eine Straße weiter in den Himmel ragt. So sieht also ein Turmherr aus. Gar nicht mal so schlecht 😉

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Als die zweite Cola-Flasche am Tisch steht, wollen wir diese Runde bezahlen. Was aber unter keinen Umständen erlaubt wird. Dafür macht das Glas wieder die Runde und wir trinken auf Germania, Austria und Georgien. Inzwischen stehen noch ein paar weitere Teller mit Essen am Tisch. Der Bruder der Braut versorgt uns noch mal mit einer Runde Bier aus dem Kühlschrank, dessen Inhalt sich gefährlich nahe dem Ende zuneigt.

Obwohl das Cha-Cha Glas auch immer wieder bei meinen Begleitern vorbeikommt, landet es doch sehr oft mit „Gagimardschos!“ und meinem Namen bei mir. Ich scheine für heute die Cha-Cha Queen zu sein.

Als dann das Gespräch auf Fußball kommt, wird die Stimmung noch ausgelassener. Unsere einheimischen Freunde dürften doch ein paar deutsche Fußballer und deren Mannschaften kennen: Dynamo Dresden, Herta BSC, Werder Bremen und sogar auf die Rapid Wien wird angestoßen. Beim Namen „Kobiaschwilli“ bricht reihum der Jubel los – ein georgischer Fußballer, der zuletzt wohl bei Herta BSC gespielt hat und nun Präsident des Georgischen Fußball-Verbandes ist. Das Cha-Cha Glas macht wieder die Runde, Umarmungen und einer meiner Mitreisender wird sogar auf die Wange geküsst. Beim Fußball versteht man sich halt in allen Sprachen 🙂

Mittlerweile hat sich die Terrasse mit weiteren Männern gefüllt. Eine dritte Cha-Cha Flasche steht auf dem Tisch. Silvia und ich sind die einzigen Frauen in der Runde. Gut, dass wir noch Verstärkung von zwei männlichen Mitgliedern aus der Reisegruppe haben – sonst wäre uns schon etwas mulmig zumute. Obwohl die Stimmung zwar ausgelassen, aber keineswegs bedrohlich ist.

Irgendwann beschließen wir dann, das Ende der dritten Cha-Cha Flasche nicht mehr abzuwarten, sondern schon vorher Richtung Guesthouse zu wanken. Trotzdem fühlt sich mein Kopf am nächsten Morgen so an, als hätten sich alle Schmetterlinge des Dorfes darin versammelt. Aber für diesen Abend hat es sich auf jeden Fall gelohnt 🙂

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(Georgien, Juni 2019)