Mit dem Rollator am Strand

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Der warme Sand kitzelt zwischen den Zehen, ich schiebe meine Füße etwas tiefer in die kühleren Sandschichten. Eine Erholung nach den 20 km, die ich heute entlang der wunderschönen Küste erwandert habe. Das kühle Bier steckt in einem kleinen Sandhügel und Tropfen von Kondenswasser suchen sich ihren Weg entlang des braunen Glases. Genüsslich lehne ich mich an den warmen Felsen und genieße die Abendstimmung an der grandiosen Kulisse der Algarve.

Kinder toben, Paare schlendern Händchen-haltend über den Strand, ein paar Jugendliche spielen Ball während sich die Sonne langsam dem Horizont nähert und alles in goldenes Licht taucht.

Von links schiebt sich eine Silhouette in mein Blickfeld, die so gar nicht in diese Landschaft passt. Ich schaue genauer hin. Und wirklich, ein junger Mann schiebt seinen Rollator über den Strand. Völlig entspannt in kurzer Hose, die Schuhe vorne ans Gestänge gebunden, setzt er bedächtig einen Fuß vor den anderen. Bleibt stehen und schaut in die Brandung. Beim Weitergehen malt er spielerisch Muster mit den Rädern in den feuchten Sand. Bewegt sich durch die Brandung, mit sichtlicher Freude an Meer, Strand und Sonne.

Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt mit einem Rollator am Meer entlang zu spazieren.

„Ja, warum ist es eigentlich nicht selbstverständlich?“ denke ich bei mir. Funktioniert ja bestens, soweit ich das erkennen kann. Wahrscheinlich sind das wieder meine Vorurteile, die immer schnell zur Stelle sind, wenn ich etwas sehe, das nicht meinen Erwartungen entspricht. „Geht nicht. Zu unsicher. Unverantwortlich…“ kommt einem da schnell in den Sinn. Aber wenn ich mir den jungen Herrn so ansehe, wie er sein Tun genießt ohne irgendwelche Bedenken, da freue ich mich, dass er es tut – so ganz selbstverständlich.

(Portugal, April 2022)

Kalahari

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Am Horizont schimmert der Himmel schon rosa als ich mich aus dem Zelt schäle und Richtung „Busch-Klo“ stapfe: ein Loch im Boden, das mit einer Plane rundherum abgeschirmt ist.

Noch ist es still, nur ein Vogel wiederholt unermüdlich seine kleine Melodie. Doch langsam sind auch aus den anderen Zelten Geräusche und Stimmen zu hören. Auf dem Lagerfeuer steht schon der schwere Kessel mit dem Kaffewasser, während ich meine spartanische Morgentoilette erledige, die aus ein paar Spritzern Wasser im Gesicht besteht und dem relativ fruchtlosen Versuch, die vom Wüstensand strohigen Haare in eine Form zu bringen.

Aufgeregte Stimmen dringen zu mir: jemand hat Löwenspuren entdeckt, die direkt durchs Lager führen und kurz vor meinem Zelt wieder Richtung Busch abbiegen. Anscheinend hat das Löwenpärchen, das gestern Abend an der Abzweigung zu unserem Zeltplatz faul unter einem Busch lag, heute Nacht einen Ausflug zu unseren Zelten unternommen. Einige in der Gruppe wollen die großen Katzen wohl auch gesehen haben.

Ich habe mal wieder alles verschlafen und nichts mitbekommen. Weder die Löwen noch die Hyänen, die durchs Lager streiften, noch den Elefanten, der ein paar Meter hinter meinem Zelt einen Baum gefällt hat. Wieder einmal tut es mir etwas leid, dass ich gar so gut im Zelt schlafe.

Nach einem kurzen Frühstück geht es im Geländewagen auf die Pirsch. Die Sonne steht mittlerweile über dem Horizont, hält sich aber noch zurück mit ihren wärmenden Strahlen. Die Temperatur ist angenehm und der Fahrwind fast noch etwas kühl.

Wir holpern über die Sandpiste auf eine Ebene zu, auf der das vertrocknete Gras in der Morgensonne gelb leuchtet. Es ist das Ende der Trockenzeit und die vorherrschenden Farben sind Gelb- und Brauntöne. Ab und zu sorgt eine Akazie mit ihrer schirmartigen Krone für etwa Grün in der Landschaft. Der feine Staub ist allgegenwärtig und ich habe es längst aufgegeben, ihn aus Kleidung oder Haaren zu entfernen.

Plötzlich ein aufgeregter Ruf: am Horizont bewegt sich eine Reihe dunkler Punkte auf uns zu. Beim Näherkommen sind die großen Ohren und das gefleckte Fell zu erkennen: ein Rudel Afrikanischer Wildhunde, wir zählen vierzehn der bunten Tiere. Ein schönes und seltenes Erlebnis, denn mittlerweile sind sie vom Aussterben bedroht. Neugierig umrunden sie unser Auto und mustern mit ihren wachen Augen die etwas verstaubten Wesen, die ihre Kameras und Handies zücken. Doch ihr Interesse lässt bald nach und sie sind wieder am Horizont verschwunden.

Wir befinden uns in einem der größten Naturreservate der Welt, dem Kalahari Game Reserve, das erst 1998 für den Tourismus geöffnet wurde. Endlose Holperpisten führen durch dornige Büsche und trockene Ebenen. Man hat das Gefühl, mitten im Nirgendwo zu sein: kein Zeichen von Zivilisation, man kann über Stunden unterwegs sein, ohne ein größeres Säugetier zu sehen. Ein Gegensatz zu den Reservaten in anderen afrikanischen Ländern, die im Vergleich zu hier fast überfüllt erscheinen.

Und gerade das hat seinen Reiz: das Ursprüngliche, die Leere und auch das Leben, das einem trotz der kargen und trockenen Landschaft immer wieder begegnet.

Hier herrscht die Natur, der Mensch ist nur Gast und muss sich mit Staub und Hitze arrangieren.

Als Belohnung gibt es jeden Abend einen kitschigen Sonnenuntergang, wenn die Sonne am Horizont versinkt und den ganzen Himmel rosa färbt. Wenig später spannt sich ein fantastischer Sternenhimmel über uns auf, so klar und sternenreich, wie man ihn nur selten sieht.

Durch die Netzfenster meines Zeltes zeichnen die Äste der kahlen Bäume ein Muster in den Himmel. Dazwischen funkeln die Sterne. Ein paar Kilometer entfernt lässt ein Löwe sein kraftvolles Gebrüll ertönen. Das beschert mir jedes Mal wieder eine leichte Gänsehaut und erinnert mich daran, dass diese großen Katzen, die tagsüber so faul unter den Bäumen dösen, sehr wohl auch anders können.

In dieser Nacht werde ich sogar wach und sehe ein paar Meter von meinem Zelt entfernt die dunkle Gestalt eines Elefanten stehen. „Schön“ denke ich bei mir, kuschele mich in meinen Schlafsack und fühle mich geborgen in der Welt der Kalahari.

(Botswana, September 2022)

Ein Hauch vom Paradies…

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Der junge Seelöwe hoppelt auf das kleine Grüppchen Touristen zu und begrüßt sie freudig bellend. Anscheinend ist er auf der Suche nach Spielgefährten. Drei Schritte weiter auf der Sitzbank lässt sich sein dösender Artgenosse nicht von dem Spektakel stören. Er zuckt nicht mal mit der Flosse. Sich so entspannt und hingebungsvoll seinem Mittagsschläfchen widmen kann wohl nur ein Seelöwe.

Ich wende mich wieder meinem Bier zu, das vor mir im Sand steht, und beobachte weiter den Pelikan bei seiner Jagd nach Fischen. Gerade startet er wieder von seinem Beobachtungsposten in den Mangroven und stürzt sich wie zufällig kopfüber in die türkisen Wellen. Nach dem Auftauchen verharrt er kurz, bevor er den Fisch in seinem großen Kehlsack verschwinden lässt. Er ist erstaunlich erfolgreich: fast jeder Versuch endet mit einer Beute.

Die drei schwarzen Echsen, die ausgestreckt neben mir im Sand liegen, lassen sich auch von den Spaziergängern nicht aus der Ruhe bringen, die unbekümmert über sie hinwegsteigen. Sie bleiben unbeweglich im heißen Sand liegen, alle viere von sich gestreckt und genießen die Nachmittagssonne.

Der junge Seelöwe startet mit ein paar Hopsern Richtung Meer, nur um dann mittendrin die Lust zu verlieren und auf den Bauch zu fallen und genüsslich die Augen zu schließen.

„Seelöwe müsste man sein.“, denke ich bei mir und betrachte die kleine Ansammlung der niedlichen Tiere, die vor mir dicht am Wasser aneinander gekuschelt liegen. Zumindest Seelöwe auf einer der Inseln des Galapagos Archipels, wo keine Gefahr vom Menschen droht. Über den schlafenden Robben thront eine prächtige Meerechse auf einem Baumstamm und blickt etwas verächtlich auf die entspannte Szene vor ihr. Nickt ein paar Mal drohend mit Kopf, damit auch ja jeder weiß, wer hier der Herr ist, und streckt sich dann ebenfalls genüsslich auf ihrem Stamm aus.

Der kleine Standstrand liegt direkt neben dem kleinen Hafen der Insel und wird rechts von dichten Mangroven begrenzt. Dazwischen quetscht sich noch eine Imbissbude und ein Surfbrett-Verleih. Eigentlich wenig Platz für Wildlife, aber hier gelten wohl andere Regeln.

Mittendrin toben noch ein paar Kinder mit ihrem Daddy im Meer, spritzen sich gegenseitig an und quietschen vor Vergnügen. Weder Pelikan noch Echsen und Seelöwen scheinen sich davon gestört zu fühlen.

Meine Bierflasche ist feucht vom Kondenswasser, der Inhalt noch angenehm kühl. „So stelle ich mir das Paradies vor“, denke ich mir, nehme den nächsten Schluck und vergrabe die Zehen noch ein Stück tiefer im warmen Sand.

(Ecuador, Galapagos, Januar 2022)

Der Ruf der Wildnis

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Über uns erstreckt sich die Milchstraße in atemberaubender Klarheit. Dunkelheit hüllt uns ein, nur die kleine Kerzenflamme weist den Weg zum Weinglas. Dick eingehüllt in eine Decke und mit kleinen Atemwölkchen vor dem Mund genießen wir die klare Luft, die Stille und den Sternenhimmel der September-Nacht.

Wir sind im Gesäuse und erfreuen uns an einem der dunkelsten Nachthimmel Europas. Und lassen die Ereignisse des Nachmittags noch mal Revue passieren: die kurze Fahrt im Jeep zu viert mit dem Revierförster, dann den gemütlichen Anstieg durch einen fast weglosen Wald. Kurz mussten wir warten bis die Sonne hinter dem gegenüberliegenden Berghang verschwunden war. Dann kam der Wind wohl aus der richtigen Richtung und lautlos ging es weiter bis zur kleinen Holzhütte mit dem großen Sichtfenster. Aufgereiht wie die Hühner machen wir uns bereit: Thermoskanne, Fernglas und Kamera – alles griffbereit. Zum Hirschlosen.

Es ist schon etwas dämmerig als wir es das erste Mal hören: dieses tiefe, lang gezogene Rufen, das so leidend klingt, dass man fast Mitleid bekommt. „Röhren“ sagt man wohl im Fachjargon dazu. Es kommt von links aus einer Baumgruppe, nähert sich langsam. Angestrengt starren wir auf den gegenüberliegenden Hang.

Da! Es bewegt sich etwas! Direkt vor uns tritt eine Hirschkuh auf die Lichtung, dicht hinter ihr noch ein Kalb, wohl aus diesem Sommer. Die Dame zeigt sich jedoch recht unbeeindruckt vom eindringlichen Rufen des unsichtbaren Herrn. Gemächlich wandert sie durch das hohe Gras.

Unsere Blicke wandern immer wieder nach links, wo der klagende Ruf langsam näher kommt. Doch unsere Geduld wird auf die Probe gestellt. Es dauert noch gute dreißig Minuten bis wir zwischen den Bäumen einen dunklen Schatten erkennen. Noch ein paar Schritte und das prachtvolle Tier zeigt sich in seiner vollen Größe mit mächtigem Geweih. Bleibt stehen, hebt den Kopf und lässt wieder ein kraftvolles Röhren hören.

Noch hat er die Hirschkuh nicht bemerkt, die wohl auch nicht in Stimmung ist und sich wieder hinter die Bäume verzieht. Etwas ziellos bewegt er sich über die Lichtung, hält wieder inne und lässt mit gehobenem Kopf seine Stimme erklingen.

Die Konturen verschwimmen im spärlich werdenden Licht und es wird immer schwieriger, dem König des Waldes zu folgen. Die Kamera habe ich mittlerweile zur Seite gelegt und versuche, durch das Fernglas noch ein paar Umrisse zu erkennen. Nur das Röhren zeigt noch an, wo sich der Hirsch bewegt.

Dann ist auch das letzte Licht verschwunden und wir treten den Rückweg durch den stockdunklen Wald an. Unsere Taschenlampen dürfen wir noch nicht verwenden, um die Tiere nicht zu verscheuchen. Während ich noch versuche, nicht über die Baumwurzeln zu stolpern, streift mich ein Geruch, wild und animalisch, intensiv. Und ist auch schon wieder vorbei. Ein Hirsch ist wohl ganz in der Nähe an uns vorbei gezogen, wie uns der Förster nachher erklärt.

Ein kleiner Blick auf noch etwas wilde Natur, die sich in unseren Wäldern versteckt.

(Österreich, September 2021)

Mirabilis

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Aus der Ferne sehen sie aus wie unscheinbare, vertrocknete Zweige. Ein kleiner ungeordneter Haufen, der sich ein paar Zentimeter aus dem Sand erhebt. Einige sind durch kleine Kreise aus Steinen markiert – wohl, damit sie nicht übersehen werden. Denn selbst das kleinste Häufchen hat das stattliche Alter von 400 Jahren. Sicher, wir befinden uns gerade in der ältesten Wüste der Welt, der Namib. Da ist es nicht ganz unerwartet, dass man hier auch Dinge findet, die schon weitaus älter sind als der älteste Mensch auf Erden.

Aber trotzdem: zwei vertrocknete, gelbgrüne Blätter, die mehr tot als lebendig aussehen? Einige sollen sogar über 1.500 Jahre alt sein. Ich gehe in die Hocke, um eines dieser seltsamen Lebewesen genauer zu betrachten: in der Mitte teilt sich ein Blattpaar, von denen sich jedes seinen eigenen Weg über den kargen Wüstenboden zu suchen scheint. Flach, leicht gedreht und gegen Ende schon vertrocknet, teils auch ineinander verschlungen zu einem kleinen Werk abstrakter Kunst. Aus einigen ragen dunkelrote Blütenstände in Zapfenform, die mal schlanker, mal breiter sind: weibliche und männliche Pflanzen.

Welwitschia Mirabilis: ihr Name allein klingt schon geheimnisvoll. Wie kann man mit nur zwei Blättern mehrere Hundert Jahre in dieser unwirtlichen Gegend überleben? Kein Wasser weit und breit. Das Einzige, was hier sonst zu wachsen scheint, sind Steine, oft wundersame, fremde Formen und Farben aus einer anderen Welt. Was mag dieser kleine Pflanzenberg vor mir schon alles gesehen und erlebt haben? Wie viele Sandstürme und Trockenperioden? Und wie viele Touristen in den letzten 50 Jahren, die staunend oder verwundert auf sie herabschauten?

Ich stehe inmitten einer kleinen Kolonie dieser faszinierenden Pflanzen: man findet fast alle Größen, von knapp Handteller-groß bis hin zu über einem Meter Durchmesser. Es entsteht der Eindruck, dass mit dem Alter auch die Unordnung zunimmt: zuerst sieht man nur zwei längliche Blätter, die sich brav nach rechts und links strecken. Mit den Jahren scheinen sie immer wieder die Richtung zu ändern, auf der Suche nach einem vielleicht etwas bequemeren Plätzchen. Über- und untereinander verschlungen, die Blüten erheben sich aus dem vertrockneten Laub der Vorjahre. Chaotisch, aber zugleich majestätisch in ihrer Ruhe und Gelassenheit.

Ein bisschen meine ich, von ihrer Weisheit zu spüren. Denn wer schon so lange gelassen dem Geschehen auf der Erde zuschaut, der muss auch weise geworden sein…

(Namibia, Dezember 2020)