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Gespannt blicke ich zum Himmel. Vor gut einer Stunde hat es zu dämmern begonnen und die Berglandschaft ist noch in zarte Pastellfarben getaucht. Vor uns erstreckt sich eine kleine, mit Gras bewachsene Anhöhe mit ein paar Felsen und Ästen abgestorbener Bäume. Dahinter das Panorama der Rhodope Mountains. Alles ruhig und friedlich.

Doch dann tut sich doch etwas am Himmel: eine Silhouette mit großen Schwingen und einem hellen Kopf kreist über uns, gefolgt von einer zweiten. Ich halte die Luft an: endlich! Doch nach ein paar Runden sind die Schatten wieder verschwunden. Enttäuscht lehne ich mich in meinem Sessel zurück.

Es ist der zweite Tag in unserem Fotoversteck und unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. In den gut zehn Stunden gestern ließ sich nur für ein paar Minuten ein Steinadler blicken. Es war natürlich ein tolles Erlebnis, den majestätischen Vogel einmal so nah zu sehen. Aber der Rest des Tages war dann eher zäh…

Ich suche weiter die Umgebung ab. Plötzlich eine Bewegung hinter den Felsen: ein Kopf taucht auf und schaut neugierig zu uns herüber. Ein Goldschakal! Behutsam stupse ich meinen Sitznachbarn an, der wohl gerade etwas Schlaf nachholt. Sofort liegt Spannung in der Luft und jeder probiert, sein Objektiv ohne zu schnelle Bewegung auf den Schakal auszurichten. Der steigt kurz über die Felsen und zeigt sich in voller Größe – ist dann aber auch gleich wieder verschwunden. Aber immerhin sind mir ein oder zwei scharfe Bilder gelungen.

Das Warten geht weiter. Ein paar Nebelkrähen erscheinen und landen vor uns auf den Ästen. Die Kameras klicken, wenigstens ein Fotomotiv. Dann gesellt sich noch ein Kolkrabe dazu und macht sich mit seinen tiefen „rah, rah“ Rufen bemerkbar. Währenddessen haben sich ein paar der Krähen an den ausgelegten Kadaver gewagt, beäugen ihn vorsichtig von allen Seiten und picken versuchsweise in das Fleisch.

Jemand zeigt zum Himmel: dort drehen sich wieder einige schwarze Umrisse, dieses Mal sicher zehn oder fünfzehn. Kommen näher, und schließlich landet ein Gänsegeier vor uns auf einem Ast. Wir halten alle die Luft an. Ich wage nicht, meine Kamera zu bewegen, um ihn nicht zu verscheuchen. Doch nach ein paar Minuten erhebt er sich wieder und segelt mit seinen Artgenossen aus unserem Blickfeld.

Frustrierte Blicke. Haben wir zu sehr geraschelt, hat sich ein Objektiv zu schnell bewegt? Oder sind die Geier heute einfach schon satt und haben kein Interesse an den ausgelegten Ködern?

Wir beobachten weiter die Krähen und Raben, die im Gras herumstolzieren. Nur die Hoffnung nicht aufgeben. Außerdem haben wir eh keine Wahl, weil wir erst wieder gegen Abend aus unserem Versteck abgeholt werden.

Doch dann erscheinen sie wieder am Himmel und bewegen sich langsam in unsere Richtung. Ich bewundere ihr elegantes Segeln und finde die großen Vögel am Himmel auch etwas einschüchternd.

Der erste Geier landet wieder auf dem gleichen Ast. Wir sind fast wie erstarrt, keiner wagt eine Bewegung. Ein zweiter und ein dritter leistet ihm Gesellschaft und schaut neugierig auf den Fleischhaufen, der wohl mal ein Schaf war. In Zeitlupe bewege ich mein Objektiv in ihre Richtung und wage ein Foto.

Und dann bricht plötzlich die Hölle los: ich sehe nur noch eine Menge von Flügeln, die sich auf die Köder stürzen. Die heiseren Rufe der Geier erfüllen die Luft. Und es kommen immer noch mehr dazu. Landen und eilen zu einem der beiden Federhaufen, aus denen auch immer wieder einzelne Hälse und Flügel auftauchen. Zwei Vögel streiten sich um ein Stück Fleisch, während andere mit ausgebreiteten Flügeln ihre Beute verteidigen. Sicher dreißig der großen Aasfresser tummeln sich vor uns und erzeugen einen ganz schönen Lärmpegel.

Ich bin komplett überfordert und weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen bzw. die Kamera drauf halten soll. Und dann blitzt kurz rotbraunes Fell im Getümmel auf: der Goldschakal hat sich nun auch aus seiner Deckung gewagt und versucht, zwischen all den spitzen Schnäbeln und Krallen auch ein Stück Fleisch zu ergattern. Bevor ich irgendetwas fokussiert habe, zieht er auch schon wieder ab und ich sehe nur noch seine Rückseite, wie er den Abhang hinunter läuft.

Ein paar dunkle Mönchsgeier haben sich nun auch eingefunden. Wunderschön mit ihrer farbigen Zeichnung am Kopf. Allerdings kommt es mir fast so vor, als dass sie sich etwas zu schade für das allgemeine Gerangel sind. Sie halten sich eher am Rand und dürften wohl auch aufgrund ihrer Größe etwas Respekt einflößen.

Langsam wird es etwas ruhiger, das Treiben ist nicht mehr ganz so hektisch, man kann wieder einzelne Vögel erkennen, die sich um die Reste streiten. Nach und nach erheben sich die Geier wieder in die Lüfte und mir gelingen noch ein paar schöne Aufnahmen im Flug.

Wir schauen uns mit leuchtenden Augen an und sind auch etwas erschöpft: gute zwei Stunden hat die Schlacht ums kalte Buffet gedauert. Übrig bleiben nur zwei verliebte Mönchsgeier, die sich gegenseitig zärtlich mit den Schnäbeln stupsen.

(Bulgarien, Januar 2026)