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Etwas enttäuscht schaue ich in den Schnürlregen, der vor uns herunter prasselt und den Boden in eine kleine Schlammwüste verwandelt. Ein Makake sitzt auf der Mauer und schaut ebenfalls melancholisch in die graue Landschaft. Irgendwie hatte ich mir meine erste Begegnung mit den großen Echsen etwas anders vorgestellt.
Wir sind auf der Insel Ringa im Komodo-Archipel und haben es gerade noch von unserem Schiff über den langen Holzsteg bis zum Infozentrum geschafft, bevor der Himmel seine Schleusen geöffnet hat. Die Luft ist geladen mit Feuchtigkeit und Hitze, und wir stehen nun schwitzend und etwas ratlos unter dem ausladenden Dach.
Auf dem Weg hierher haben wir zwar schon ein Exemplar der Echsen gesehen. Der aber lag träge und faul im Sand und ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Hätte er nicht ab und zu kurz geblinzelt, wäre nicht erkennbar gewesen, dass er noch lebt.

So viele Geschichten und Berichte habe ich schon über die Komodo-Warane gehört und gelesen – und wie tödlich ihr Bakterien-verseuchter Biss sei. Wie groß und respekteinflößend diese Überlebende aus fernen Urzeiten seien. Um die halbe Welt bin ich gereist, um ihnen in die Augen zu schauen.
Und nun ist keiner von ihnen zu sehen, und der tropische Regen lässt Büsche und Bäume in einem grünen Einerlei verschwimmen. Die Kamera bereit, entdecke ich eine kleine Eidechse, die wohl auch vorm Regen auf einem Baumstamm Schutz gesucht hat. Na immerhin ein Fotomotiv…
Plötzlich kommt Bewegung in die Guides, die mit ihren langen Stöcken zur Abwehr der Echsen ebenfalls gebannt in den Regen starren. Laute Rufe sind zu hören und einer deutet nach links, wo schemenhaft ein Schatten hinter dem Vorhang aus Regentropfen erkennbar ist. Mit langen, ausladenden Bewegungen kommt er langsam näher. Dann ist ein Kopf erkennbar, der mit jedem Schritt leicht hin und her schwingt. Sollte uns doch einer der Inselbewohner die Ehre erweisen?

Das Maul geöffnet, die kleinen Augen auf die aufgeregten Touristen fixiert, kommt er langsam näher. Und nun ist erkennbar, dass er wohl die Reste eines Java Hirsches zwischen den Zähnen trägt, dekorativ garniert mit ein paar grünen Blättern. Ganz nah marschiert er an uns vorbei, sicher über zwei Meter lang. Sichtlich unbeeindruckt vom Klicken der Kameras und dem aufgeregten Gemurmel der kleinen Menschengruppe.
Gemächlich dreht er ab, wendet sich einem kleinen Hügel zu und verschwindet langsam wieder hinter der Regenwand.
Es wird wieder ruhig. Die meisten starren noch gebannt in die Büsche – vielleicht taucht er ja noch einmal auf… aber für heute hat er wohl genug vom Touristenrummel.
Als der Regen schwächer wird, können auch wir eine kleine Wanderung durch den Dschungel wagen. Wir entdecken noch ein paar kleinere Exemplare zwischen den Bäumen, die manchmal gelassen unseren Weg kreuzen (während wir respektvoll Platz machen) oder faul im Laub liegen. Einige scheinen auch mit gehobenem Kopf für uns zu posieren – bis sie unserer wieder überdrüssig werden und mit ihren ausladenden Schritten weiterziehen.




Ihre Gesichter scheinen freundlich – fast so, als würden sie leicht lächeln. Und ihr gemächlicher Gang täuscht wohl gerne darüber hinweg, dass sie trotz ihrer Größe auch ganz schön schnell sein können.

Ich habe sie nach diesen ersten Begegnungen auf jeden Fall ins Herz geschlossen und finde sie wunderschön mit ihren aufmerksamen Augen und den unterschiedlichen Farbschattierungen ihrer schuppigen Haut, von einem leichten Blau bis zu einem dunklen Braun.


Auch in den nächsten zwei Tagen begegnen uns kleinere und größere Exemplare dieser Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. Mal ist unsere kleine Gruppe allein unterwegs, mal sieht man vor lauter nackten Touristen-Beinen fast keinen Waran mehr. Sie nehmen es gelassen. Scheinen nur manchmal etwas die Contenance zu verlieren, wenn es darum geht, mit den Artgenossen zu klären, wer denn nun der Chef ist.

Ich glaube, am meisten hat mich ihre Gelassenheit beeindruckt. Ihr leicht schmunzelnder Blick in unsere Welt, die sie so gar nicht zu tangieren scheint.
(Indonesien, September 2025)


