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Es ist noch stockdunkel, als wir im Schein unserer Taschenlampen aufbrechen. Am Eingang bekommen wir noch zwei Armbänder, damit auch jeder weiß, dass wir Eintritt gezahlt haben und schon um diese frühe Stunde – es ist gerade mal 5 Uhr – in den Park dürfen.
Schweigend stapfen wir durch den dunklen Wald. Über uns bilden die Zweige der Bäume ein dichtes Dach, das im Lichtschein ein bisschen an die Bögen einer Kathedrale erinnert. Eine Spinne kreuzt den Kegel unserer Lampen. Ansonsten ist es seltsam ruhig, als würden die Bewohner des Dschungels noch die letzte Stunde der Dunkelheit genießen. Wahrscheinlich beobachtet uns ein Jaguar neugierig durch die dichten Blätter – nachdem in den letzten Tagen eine dieser Katzen auf dem Gelände gesichtet wurde, ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht mal so gering.
Noch ist es still und ich genieße die Stimmung mit all den Schatten um uns herum. Nach gut 20 Minuten tauchen rechts und links die Konturen von großen, moos-bewachsenen Steinen auf: wir haben die ersten Ruinen der alten Maya-Stadt erreicht. Am „Großen Platz“, so wird der weitläufige Bereich zwischen zwei Pyramiden genannt, bleiben wir kurz stehen. Eine Feuerstelle zeugt von den traditionellen Zeremonien, die auch heute noch von den Nachfahren der Maya hier durchgeführt werden. Roland, unser Guide, klatscht ein paar Mal in die Hände. Das Echo erzeugt täuschend echt den traurigen Ruf des Quetzals, dieses wunderschönen Vogels mit den langen Schwanzfedern, der schon von den Mayas besonders verehrt wurde.
Die Schatten einiger Fledermäuse huschen an uns vorbei, als wir unseren Weg fortsetzen. Noch sind wir nicht am Ziel. Ein verwittertes Holzschild mit der Aufschrift „Mundo Perdido“ – Verlorene Welt – taucht vor uns auf und langsam hebt sich die Dunkelheit. Vorsichtig setzen wir im fahlen Licht der Dämmerung unsere Füße auf die steilen Holzstufen, die uns in die Höhe führen. Dabei bestaune ich die riesigen, fast 2.000 Jahre alten Steine der Pyramide, die passgenau aufeinander geschichtet sind.
Und dann sind wir oben. Vor uns eröffnet sich ein traumhafter Blick über den grünen Urwald. Dazwischen ragen die verfallenen Türme der Pyramiden auf, Zeugen einer anderen, längst vergangenen Welt. Die unheimlichen Rufe der Brüllaffen füllen den anbrechenden Morgen. Doch ein kitschiger Sonnenaufgang wird es heute wohl nicht werden, das verhindern die Wolken. Aber auch so ist die Stimmung fast verwunschen, mit dem leichten Nebel und so hoch über den Baumkronen des Dschungels.

Langsam mischt sich das aufgeregte Rufen der Papageien in das Gebrüll der Affen. Fast auf Augenhöhe fliegen sie an uns vorbei, um sich in einem der Äste niederzulassen. Vor uns sitzt eine Wegebussard-Dame malerisch von roten Flechten umgeben und wartet geduldig, bis der Herr kurz zum Liebe-machen vorbeikommt.

Spechte und Tukane sind geschäftig im großen Baum neben unserer Plattform unterwegs, und ein Braunhäher beäugt uns neugierig vom Geländer aus, ob es vielleicht doch etwas zum Frühstück gibt.




Auf der großen Pyramide vor uns können wir die bunten Punkte der Teilnehmer der „offiziellen“ Sonnenaufgangstour erkennen, die dicht gedrängt auf den Stufen sitzen. Wir hingegen haben unseren Aussichtspunkt ganz für uns allein.
Ich sitze auf dem Holz der Plattform und genieße die Aussicht, die Stimmen des Regenwaldes und das geschäftige Treiben um uns herum, das den erwachenden Tag begrüßt. Die Entscheidung, in welche Richtung man schauen soll, um nichts zu verpassen, ist eine schwierige und fast immer die falsche.

Dann macht uns Roland auf das Rotbrustfalken-Pärchen aufmerksam, das ganz oben auf den Steinen der großen Pyramide sitzt – gerade noch als Silhouetten durch das Spektiv zu erkennen, das Weibchen deutlich größer als ihr Partner. Diese Art gehört zu den seltensten Falken Mittel- und Südamerikas und ist nur wenig erforscht. Hier in Tikal, das nicht nur UNESCO Welterbe ist, sondern auch Nationalpark, brütet dieses eine Paar schon seit ein paar Jahren. Das gesamte Gebiet erstreckt sich über fast 65 Quadratkilometer, wobei es alleine im zentralen Bereich über 3.000 Bauten gibt. Und man schätzt, dass an die 10.000 Gebäude noch unter den Wurzeln des Dschungels verborgen sind. Und die meisten werden es wohl auch bleiben, da sich herausgestellt hat, dass sie so wesentlich besser vor Witterungseinflüssen (und den Touristen) geschützt sind.

Mittlerweile ist der neue Tag vollends angebrochen und die ersten Besucher kommen über die steilen Stufen zu uns hinauf. Wir steigen langsam wieder hinunter und bewundern dabei ein paar Klammeraffen, die fast auf Augenhöhe durchs Geäst turnen. Mit ihren langen Armen und dem kräftigen Greifschwanz bewegen sie sich pendelnd durch das Laub der Bäume – nicht gerade geräuscharm – und es ist fast unmöglich, ein scharfes Foto von ihnen zu bekommen. Unten angekommen, bieten die neugierigen Nasenbären, die ziemlich geübt darin sind, essbare Beute in den Taschen der Urlauber zu erspähen, ein deutlich dankbareres Fotomotiv.



Dann geht es weiter über das weitläufige Gelände, das nun bei Tageslicht ein wenig von seiner Mystik verloren hat. Aber es gibt noch viel zu entdecken zwischen den beeindruckenden Bauten dieser Stadt, die schon vor über 1.000 Jahren verlassen wurde.
(Tikal, Guatemala, Februar 2024)


