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Zugegeben, das Paradies hatte ich mir immer anders vorgestellt: mit Palmen, Meer und einem endlosen Sandstrand irgendwo in südlichen Gefilden – und nicht im etwas kühlen Nordosten Finnlands, nahe der russischen Grenze. „Paradise No. 2“: so heißt das Fotoversteck, das ich heute Nacht für mich alleine habe. Hier ist es zwar gemütlich und ganz komfortabel – aber einen Hinweis auf den seltsamen Namen habe ich bis jetzt noch nicht entdeckt. Ich schätze, auch das tote Schwein, das gut 50 Meter vor mir im Gras liegt, hatte etwas andere Vorstellungen vom Paradies. Ich wünsche ihm, dass der Schweinehimmel seine Erwartungen erfüllt.
Meine Erwartungen für die heutige Nacht sind etwas wilder und so gar nicht paradiesisch: Wölfe und vielleicht auch ein Bär sollten sich zeigen. Dann wäre ich auch ohne Palmen glücklich. Aktuell sind allerdings nur jede Menge Möwen (Möwen in der Tundra sind auch ein ungewohnter Anblick) und Kolkraben damit beschäftigt, das Schwein und weitere ausgelegte Köder zu begutachten und sich, wenn möglich, auch schon einzuverleiben. Dabei vermischt sich das Gezeter der Möwen mit dem tiefen Krächzen der Raben zu einer ungewohnten Geräuschkulisse.
Hinter der Ebene mit ein paar vereinzelten Bäumen beginnt der Wald – und dort scheint sich nun etwas zu bewegen. Mein aufgeregter Blick durchs Fernglas bestätigt: ein Wolf ist zwischen den Bäumen aufgetaucht, und gleich darauf ein zweiter. Sie kommen vorsichtig näher, umkreisen skeptisch den Kadaver. Er scheint ihnen nicht ganz geheuer zu sein und sie halten einen respektvollen Abstand. Verjagen nur immer wieder die schimpfenden Raben.

Einer der beiden macht auf der Suche nach versteckten Fleischstücken einen großen Bogen und ist plötzlich ganz nah vor meinem Versteck. Fast ist er schon zu dicht dran für mein Objektiv und es scheint, als würde er mich direkt in die Augen schauen. Ein magischer und etwas unheimlicher Augenblick.

Etwas später gesellt sich noch ein dritter Wolf zu den beiden und es ist faszinierend, sie beim verspielten Herumtollen zu beobachten. Immer wieder lege ich die Kamera zur Seite, um einfach nur zu schauen.




Schließlich verschwinden sie alle drei wieder hinter den Bäumen.
Eine Zeitlang beobachte ich einen Schwarzmilan, der immer wieder versucht, den Möwen oder Raben ein Stück Fleisch abzujagen – dabei aber nur selten erfolgreich ist.

Links von mir höre ich ein Gurren, das mit bekannt vorkommt und das sich vom Lärm der Möwen und Raben abhebt. Durchs Fernglas sehe ich am Wiesenrand doch tatsächlich einen Birkhahn, der unermüdlich seine Runden zieht und – wohl vergeblich – versucht, mit seiner Zurschaustellung das weibliche Geschlecht zu beeindrucken. Dann wird es den Raben zu viel, denn sie verscheuchen ihn. Woraufhin er in einem der höchsten Bäume unbeirrt mit seinem Schauspiel fortfährt.

Irgendwann wird es ruhig. Die Raben haben aufgegeben, an das Fleisch des Schweins heranzukommen und für die Möwen ist wohl Schlafenszeit. Die Sonne steht schon sehr tief und taucht die Landschaft in ein sanftes Licht. Die absolute Stille, die nun herrscht, ist fast schon gespenstisch.
Ich fange an, meinen Schlafsack auszurollen. Immerhin ist es schon nach 22 Uhr und langsam kriecht auch die Kälte durch die Ritzen der kleinen Hütte. Doch dann sehe ich eine Bewegung: etwas großes Braunes zeigt sich am Waldrand: – ein Bär läuft Richtung Kadaver, bleibt immer wieder stehen und hebt abwartend die Nase. Und dann macht er sich über das Schwein her, reißt große Stücke heraus.

Und plötzlich sind auch die Wölfe wieder da: jetzt wohl die ganze Familie, denn ich zähle ganze fünf Stück. Die Gegenwart des Bären scheint sie nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, als wäre der Köder für sie jetzt nicht mehr gefährlich, nachdem der Bär ihn für gut befunden hat. Der versucht ab und zu halbherzig, einen Wolf zu vertreiben, der dann kurz ein oder zwei Schritte zur Seite geht. Schließlich scheint der Bär wohl genug zu haben, bedeckt die Reste des Schweins mit Erde und zieht von dannen.



Was natürlich weder Wölfe noch Raben davon abhält, sich ihren Teil vom Fleisch zu holen. Eine Zeitlang herrscht noch reges Treiben beim Kadaver, der im Eiltempo in den Mägen von Wölfen und Raben verschwindet.
Nach 24 Uhr, es ist immer noch hell, aber mittlerweile doch zu dunkel zum Fotografieren, kuschele ich mich in meinen Schlafsack und schlafe ein paar Stunden.

Als ich um 3 Uhr wieder wach werde, ist es noch immer oder schon wieder hell und der Wald ist in ein rötliches Licht getaucht. Die Landschaft wirkt fast unwirklich mit einem leichten Nebel, der über dem Boden liegt. Die Raben sind immer noch am Schwein zugange und vor dem Hintergrund des dunklen Waldes steht ein stattlicher Wolf und schaut in meine Richtung. Ich muss an die Märchen denken, in denen der Wald die Heimat des Wolfes ist. Heute ist es ein friedliches Bild und ich lasse es auf mich wirken, noch halb im Schlafsack eingewickelt und mit etwas Schlaf in den Augen.

Das Paradies liegt eben nicht immer in der Südsee.
(Kuusamo, Finnland, Mai 2026)
