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Das Lokal mit dem eher abschreckenden Namen „Waterhole #3“ ist fast leer als wir es betreten. Auf unserer Reise von Montreal nach Philadelphia sind wir in dem kleinen Ort Saranac mitten in den Adirondacks Montains gestrandet und die Auswahl an Abendunterhaltung ist nicht gerade groß. Eine lange, rustikale Bar und ein Billardtisch beherrschen den Raum, in dem sonst nur noch einige Tische stehen. Die junge Kellnerin hinter der Bar nennt sich Dove und empfiehlt „Marker’s Mark“, einen Bourbon, der rund und gefällig schmeckt. Ich sitze an der Bar und schaue meinen Begleiterinnen zu, wie sie sich von Peter in die Geheimnisse des Pool Billard einweihen lassen, und mache einige Fotos mit den bunten Kugeln.

Während Anna und Peter sich bald verabschieden und ins Hotel zurückziehen, bleibe ich noch mit Nicole auf einen Drink. Eine Zeitlang beobachten wir das Kommen und Gehen der Locals, bis uns Keith, der auch in Saranac lebt, zu einer Runde Billard einlädt und vom harten Leben eines einsamen Mannes in den Bergen erzählt. In der Zwischenzeit ist Dave aus New York mit zwei Damen in seiner Begleitung aufgetaucht. Während die drei den Billard Tisch in Beschlag nehmen, spekulieren Nicole und ich über die Beziehungen zwischen den Mitgliedern des Trios – kommen aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Zu verschieden sind die beiden Frauen. Dave lädt uns auf einen Drink ein und Nicole verwickelt eine der beiden Frauen in ein Gespräch: eine sehr interessante Erscheinung mit viel Ausstrahlung. Schon etwas unter der Wirkung einiger Gläser Marker’s Mark, die Dove eifrig und großzügig nachschenkt, lehne ich auf meinem Barhocker und lausche dem melodischen Französisch der beiden, von dem ich allerdings nur einen Bruchteil verstehe.

7_6_17_bearbeitet-2Als sich Dave mit seinen Damen verabschiedet sind wir die letzten im Lokal und die englischen Worte kommen uns nicht mehr ganz so leicht über die Lippen – wird wohl am Bourbon liegen. Dennoch plaudern wie noch etwas mit Dove. Mittlerweile darf auch geraucht werden und die Kellnerin erzählt uns, wie sie in diesem Kaff gelandet ist: im Hauptberuf Biologin arbeitet sie zeitweise an wissenschaftlichen Projekten in den Adirondacks. Von ihrem Charme angetan, laden wir sie überschwänglich nach Wien ein, falls es sie jemals nach Europa verschlagen sollte. Nicole hat sogar eine Visitenkarte mit Adresse dabei. Dove lädt uns noch auf eine letzte Runde Bourbon ein und will partout kein Trinkgeld, als wir uns dann etwas schwankend auf den Heimweg machen und uns zu dem unerwartet netten Abend mitten im Nirgendwo beglückwünschen.

(USA, Mai 2005)